Ein zu großes Rad gedreht

27. Februar 2009, 18:59
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Die heimischen Banken könnten bis zu 30 Milliarden Euro in Osteuropa verlieren, so Analysten

Wien/London - Droht der Republik wegen drohender Ausfälle der Banken im Osten der Kollaps? Nein, meint nun Goldman Sachs in einer Analyse, wenngleich die Risiken in der Region beträchtlich sind. In einem "bad" Szenario gehen die Experten der einstigen Investmentbank davon aus, dass die heimischen Banken 30 Prozent ihrer Ost-Kredite abschreiben müssen. In absoluten Zahlen käme das einem Verlust von 26 Mrd. Euro gleich.

Die gute Nachricht: Selbst wenn die Banken die Löcher nicht aus eigener Kraft stopfen können sollten und der Staat einspringen müsste, würde das Österreich nicht in den Ruin treiben. Laut Goldman Sachs stiege dann die öffentliche Verschuldung auf 68 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und läge damit "weiter unter dem Durchschnitt der Eurozone" .
Die Notenbank geht noch einen Schritt weiter und hat berechnet, dass Ausfälle in der genannten Größenordnung von den Banken selbst getragen werden könnten. Die gesetzlich vorgeschriebene Eigenkapitalquote von vier Prozent würde sich immer noch ausgehen.

Die internationalen Organisationen wollen sich freilich nicht auf Zahlenspiele verlassen. Europäische Investitionsbank, Osteuropabank (EBRD) und Weltbank haben am Freitag ein Stützungspaket für die Region im Volumen von 25 Mrd. Euro für heuer und 2010 vereinbart, mit denen Finanzinstituten und Unternehmen geholfen werden soll.
Entsprechend groß war die Freude bei Finanzminister Josef Pröll, der sich seit Wochen für eine Stabilisierungsaktion in Osteuropa stark macht. "Das ist der Beginn. Unsere Initiative trägt Früchte, wie wenige zuvor. Uns wurde nationales Interesse unterstellt. Jetzt kommen aber immer mehr drauf, dass Österreich in absoluten Zahlen ein kleiner Fisch ist - etwa im Vergleich zu exportorientierten Ländern wie Deutschland."

Alter Besen

Das nun geschnürte Paket ist freilich nicht ganz neu: "Die Gelder waren bereits budgetiert und sind nicht zusätzlich, es handelt sich nun aber um eine konzertierte Aktion" , erklärte ein Sprecher der EBRD dem Standard. Auch aus Publikationen der EIB und der Weltbank geht hervor, dass das Volumen den bisherigen Planungen entspricht. Bezweifelt wird in der EU überdies, ob der Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs der Union an diesem Sonntag große Fortschritte in Sachen Osteuropa bringen wird. Der ungarische Premierminister Ferenc Gyurcsány kündigte an, ein Paket über 180 Mrd. Euro für die osteuropäische Wirtschaft vorzuschlagen. Damit solle der rapide Währungsverfall gestoppt werden, derzeit das größte Risiko. Aber dem Vernehmen nach soll lediglich ein Auftrag an die Finanzminister in der Pipeline sein, Maßnahmen beim nächsten Treffen der Ressortchefs (Ecofin) zu prüfen.

Neue Bremser

Während Osteuropabank, Weltbank und Internationale Währungsfonds auf mehr EU-Engagement zur Bekämpfung der Abwärtsspirale von Budapest bis Moskau drängen, stehen namhafte EU-Player wie Deutschland und die Europäische Kommission auf der Bremse. Wirtschaftskommissar Joaquín Almunia etwa scheint nicht bereit zu sein, den Zahlungshilfefonds von 25 auf 100 Mrd. Euro zu erhöhen. Aus diesem Topf wurde Ungarn gestützt.

Dass die Union für den Osten viel Geld in die Hand nehmen muss, glaubt auch der Chef der Osteuropabank, Thomas Mirow. Im schlimmsten Fall bräuchten die Banken in der Region 150 Mrd. Dollar (118 Mrd. Euro)frisches Eigenkapital und zusätzlich 200 Mrd. Dollar Garantien für die Refinanzierung.

Skeptisch sieht der tschechische EU-Vorsitz den Vorstoß Österreichs. Zwar sei das Bewusstsein für die Region dadurch gestiegen, doch sei die Initiative "unglückselig angegangen" worden, sagte der tschechische Außenminister Karl Schwarzenberg. Das Paket habe wie eine Hilfsmaßnahme für österreichische Banken geklungen. "Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht" , so Schwarzenbergs Fazit. Andere Europäer hätten über die Initiative gedacht: Ihr habt in Osteuropa fett verdient, jetzt müsst ihr auch zahlen, erklärte Schwarzenberg. (as, awö, go/DER STANDARD Printausgabe, 28. Februar/1. März 2009)

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    Die Risiken der österreichischen Banken sind nicht ohne, ein Staatskollaps drohe aber nicht, meint man bei Goldman Sachs.

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