Langjähriger Brotberuf Rock 'n' Roll

27. Februar 2009, 18:47
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Laue Begeisterung für ein solide abgespultes Oasis-Konzert in der Stadthalle

Wien - Wie war das noch mit dem Altern in Würde? Nahezu jede Rockband kommt an den Punkt, da die kreativen Kräfte versiegt scheinen, da einfach weitergemacht wird. Album für Album. Die Fans bleiben, sind eher froh, dass die Band noch existiert, als dass noch einmal großartige Musik erwartet würde. Die Platten selbst sind mal besser, mal schlechter. Oasis, einst die laut Eigendefinition größte Rock-'n'-Roll-Band der Welt, zeigte sich am Donnerstag in der Stadthalle vor rund zehntausend Besuchern als Gruppe, die nach gut 18-jährigem Bestehen und langen Phasen kreativer Mittelmäßigkeit endlich wieder stolz auf ihr aktuelles Material sein kann.

Mit ihren in erster Linie auf die Beatles, die Kinks, die Beatles und die Beatles Bezug nehmenden, millionenfach verkauften ersten beiden Alben Definitely Maybe und (What's the Story) Morning Glory? hat sich die aus Manchester stammende Band um die Brüder Liam und Noel Gallagher Mitte der Neunziger an die Spitze der Rockwelt gespielt und dabei stets tabloidwirksam das Image vom erdverbundenen "lad" vorgelebt, der schon mal zwei, drei, vier "pints" zu viel erwischt, und wenn einer frech wird, dann gibt's was aufs Maul. Nach eher mäßigen Platten im selben Fahrwasser hat die Band vergangenes Jahr mit Dig Out Your Soul ihr bestes Album seit 13 Jahren vorgelegt, das nun freilich selbstbewusst zu großen Teilen live präsentiert werden will.

Nach dem als Intro eingespielten Fuckin' In The Bushes wird mit der frühen Nummer Rock 'n' Roll Star sogleich per Titel klargemacht, wer hier die Hosen anhat. Nun sind Oasis nicht gerade berühmt dafür, groß visuellem Mehrwert zuarbeitende Showeinlagen zu vollführen. Sänger Liam nimmt auf karger Bühne seine typische Pose, mit hinterm Rücken verschränkten Armen, ein und rasselt am Tamburin. Hie und da wird über die Bühne stolziert und das Publikum begrüßt. Gitarrist und Hauptsongwriter Noel meldet sich erst ab Mitte des Konzerts zu Wort, der Rest der Band ist ohnehin wenig mehr als Beiwerk, wenngleich musikalisch hochqualifiziert. Zwischen die Hits von früher, Cigarettes and Alcohol hier, Morning Glory da, Supersonic dort, schiebt die Band überraschend viele Stücke des aktuellen Albums. Das führt zu einigen Höhepunkten, etwa der Single The Shock of the Lightning oder dem repetitiven Groove von To Be Where There's Life, den sich Noel bei den Düsseldorfer Krautrockern von Neu! abgehört haben soll.

Das Publikum aber, so scheint's, will lieber Hits hören und bleibt den ganzen Abend eher verhalten. Einzig bei dem unverwüstlichen Wonderwall und der ersten Zugabe Don't Look Back in Anger kennt der Mitsingwille kaum Grenzen. Zum Abschluss gibt's mit der Coverversion des Beatles-Stückes I Am The Walrus noch einmal überdeutlich, als hätte man es nicht geahnt, eine Verbeugung vor den ewigen Helden, und nach 21 Stücken weiß man, dass man eine Band gesehen hat, die das, was sie macht, sehr gut kann. Vielleicht zu gut. Routine nennt man das dann, oder aber: solide. Das richtig mächtige Entertainment wird man anderswo aufstöbern müssen. Schon die Rolling Stones, nicht die Beatles, haben gewusst, dass es sich bei der ganzen Angelegenheit schlicht und einfach um Rock 'n' Roll handelt, dass es aber total okay ist, ihn zu mögen. Bis ins Alter hinein. Aber sicher doch: Live forever! (Philipp L'Heritier, DER STANDARD/ Printausgabe, 28.02/01.03.2008)

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    Oasis-Sänger Liam Gallagher beim Wien-Konzert.

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