"Es ist jetzt an der Zeit, smart zu werden"

27. Februar 2009, 18:44
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Das Massachusetts Institute of Technology, eine der besten Hochschulen der Welt

Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) ist eine der besten Hochschulen der Welt. Spitzenwissenschafter nehmen sich dort gerne Zeit für die unternehmerische Außenwelt - allerdings zu ihren eigenen Bedingungen.

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"Einmal" , erzählt Christian Kesberg, Österreichs Handelsdelegierter in New York, habe er am MIT "mit einem Physik-Nobelpreisträger sprechen dürfen. Doch den hat das, was wir zu sagen hatten, überhaupt nicht interessiert." Das sei aber der einzige derartige Fall gewesen. Denn seit zwei Jahrzehnten schon überweist die Wirtschaftskammer jährlich einen stattlichen Geldbetrag an das "Industrial Liaison Program" der Weltklasse-Universität Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, der Universitätsstadt am Nordufer des Charles Rivers bei Boston, wo auch die Harvard-Universität zu Hause ist. Derzeit beträgt der Mitgliedsbeitrag 90.000 Dollar.
"Das bedeutet aber nicht, dass man 'Kunde' des MIT ist" , erklärt Randall Wright, für die heimischen Kämmerer zuständiger Liaison Officer bei einem Besuch am MIT. Die Mitgliedschaft berechtigt die 200 Mitglieder des Liaison-Programms - zum Bezug eines Newsletters und auch zu Gesprächen. Doch die haben es in sich. "Man kann sich das so vorstellen: Spitzenmanager sprechen mit führenden Denkern über das nächste große, radikale Ding" , so Wright.

"Sie müssen den Ort mögen"

Anders als viele europäische Universitäten hat das MIT ihre Beziehungen zur Außenwelt seit Jahrzehnten institutionalisiert: "Wir sind nicht gerade industrieallergisch" , sagt Philip Clay, Chancellor des MIT. Trotzdem oder gerade deswegen entsteht der Eindruck, dass den MITlern unabhängige Grundlagenforschung wichtiger als alles andere ist. Jeder Industriekontakt müsse in das Prinzip der vor 150 Jahren, zu Zeiten der Industriellen Revolution nach dem US-Bürgerkrieg gegründeten Hochschule passen: Und dieses sei, "das Wissen voranzubringen. Und nicht: Wie verbessert man Ihr Produkt?", sagt Wright. Manche Unternehmen hätten dies verstanden, andere nicht. "You have to like the place" , dann funktioniere das seit 1948 bestehende Liaison-Programm für alle. Klassisches Consulting müsse man sich woanders einkaufen (auch bei den Professoren persönlich, die in der Honorarklasse von 50.000 Dollar für eine Keynote-Rede spielen).

Handelsdelegierter Kesberg und sein Vize Peter Gatscha luden nun eine Auswahl der MIT-Megabrains nach Wien zu einer Konferenz. Am 25. und 26. März ist im Kongresszentrum Schönbrunn das Motto (etwas kryptisch): "Technology and the Corporation - Innovation als natürlicher Prozess in einem Unternehmen" . Vorträge halten werden dort sehr intelligente und gleichzeitig äußerst mitteilungsbefähigte Menschen, wie sie in Europa nur selten zu erleben sind.

Roberto Rigobon ist einer davon. "Ich bin derzeit sehr gefragt" , sagt der an der MIT Sloan School of Management lehrende Venezolaner, "denn meine Forschungsschwerpunkte sind Inflation und Wirtschaftskrisen" . Zu Ersterem sammelt er in seinem "Billions Prices Project" tagesaktuell Lebensmittelpreise in 60 Ländern, von mindestens zwei Handelsketten pro Land. Zu Letzteren sagt er: "Ich habe bisher 73 Wirtschaftskrisen untersucht, und es gibt immer wieder die gleichen Muster." Zum Beispiel in der Art der Nachrichten: "Es gibt vier Stufen: Am Anfang sind es immer die systemischen Bad News, wie 'Alle Banken sind tot'. Danach erscheinen Betrügereien auf der Oberfläche, die im Boom nicht vom ehrlichen Geschäft zu unterscheiden waren - die Madoffs tauchen auf. Dann werden die Nachrichten idiosynkratischer: 'Chrysler hat ernste Probleme, Ford weniger.' Schließlich werden auch idiosynkratische Nachrichten zu Hintergrundgeräuschen, irrelevant für Märkte - die Erholung setzt ein." Laut Rigobon sei die Weltwirtschaft derzeit in Phase drei. Werde man Krisen jemals verhindern können? "Nein, nie! Man könnte nur endlich lernen, wie man damit lebt und schneller wieder rauskommt."

Legosteine und angewandte Mathematik

Szenenwechsel. Das MIT-Medialab, durch New-Economy-Vordenker Nicholas Negroponte in den 90ern weltberühmt geworden: Neil Gershenfeld sitzt in einem bis zum Anschlag mit elektronisch Geräten aus den vergangenen zwanzig Jahren gefüllten Raum und verzieht keine Miene, wenn er sagt, er arbeite "an etwas gleich dem Star-Trek-Replikator". Seine Studenten bauen Apparate aus Legosteinen, verschütten Kaffee, lachen oder diskutieren angewandte Mathematik. Gershenfeld forscht an "Personal Fabricating" , laut ihm revolutionär wie einst Personal Computing. Vereinfacht gesagt geht es um den genetischen Code von Dingen, der weltweit in jedes auch noch so entlegene "Fab-lab" verschickt werden kann, wo an Ort und Stelle preisgünstig produziert werden soll. "Eben wie der Star-Trek-Replikator", sagt Gershenfeld und lacht nicht.

Weitere ungewöhnliche Akademiker, die in Wien vortragen werden, sind: Jonathan How, Professor für Aeronautik, er lässt mit seinen Studenten in einem der Backsteingebäude des weitläufigen Campus kleine Helikopter autonom um Hindernisse fliegen. Oder Michael Cima, der kleine technische Medizin-Gadgets und große Projekte entwirft, die das marode US-Gesundheitssystem entlasten sollen.

Martin Polz, aus Österreich stammender MIT-Professor für Molekularbiologie, sagt, die MIT-Leute würden sich von den Europäern außer durch ihren ausgeprägten Hang zur Interdisziplinarität vor allem durch "einen weitgehenden Mangel an Zynismus" unterscheiden.

500 Erfindungen pro Jahr

Am MIT studieren 4000 Undergraduates und 6000 Doktor-Studenten. Ihnen gegenüber stehen 1000 Professoren. Das MIT meldet pro Jahr 500 Erfindungen an, 100 davon werden an Unternehmen, meist Spin-offs, lizensiert, berichtet Lita Nelsen vom zuständigen MIT-Büro. Daraus resultieren rund 50 Millionen Dollar pro Jahr, zwei Prozent des MIT-Jahresbudgets (2,5 Milliarden Dollar). 1,3 Mrd. Dollar davon stammen aus Forschungseinnahmen. Studiengebühren - 52.000 Euro pro Jahr, es gibt Stipendien - tragen 230 Mio. Dollar bei. 315 Mio. Dollar sind "cash gifts" , etwa Sponsorships für Professorenstühle. Der Rest stammt aus Investments des MIT.

Die Zeiten werden auch für US-Elite-Unis härter, man müsse sparen, sagt Chancellor Clay, wenngleich Barack Obama festgestellt habe, das Grundlagenforschung ökonomischen Mehrwert schaffe. Aber gerade angesichts der Krise werden nun noch echte "ground-shifting innovations" erwartet: Michael Davies, Neuseeländer und Wirtschaftsprofessor, resümiert: "Weil das Geld ausgeht, ist es jetzt an der Zeit, smart zu werden."  (Leo Szemeliker aus Boston, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.2./1.3.2009)

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    Am MIT (Bild: Stata-Center, designed von Frank Gehry) studieren 4000 Undergraduates und 6000 Doktor-Studenten. Ihnen gegenüber stehen 1000 Professoren.

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