"Was, bitte, soll ich falsch gemacht haben?"

27. Februar 2009, 18:32
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In Florida liegt der Brennpunkt der amerikanischen Immobilien-Krise: Auf quadratkilometergroßen Bauwüsten verrotten nicht nur Neubauruinen, sondern auch amerikanische Träume

Über den Wipfeln der Floridakiefern geht postkartenrot die Sonne unter. Grillen zirpen, manchmal raschelt eine Eidechse im Gras. Es ist schön am Mercedes Court, südlich warm und herrlich ruhig.

Erst das Tageslicht enthüllt, was für eine staubige Baustelle sich hinter der Urlaubsidylle verbirgt. Überall roher Beton, die Sechs-Zimmer-Villen mit den Säulenportalen, die sich wie Perlen an einer Kette zu einem Kreis reihen, sind weder verputzt noch gestrichen. Der letzte Hurrikan hat Dächer abgedeckt, niemand macht sich die Mühe, sie wieder zu flicken. Unkraut wuchert, Investruine steht neben Investruine.

Immobilien-Rausch

Bis hierher kam er, der Boom, der Lehigh Acres in die Breite gehen ließ, als hätten die Hände eines Riesen mit einem Nudelholz ein Stück Teig ausgerollt. Vom Zentrum sind es zehn, zwölf Kilometer in jede Himmelsrichtung. Früher war das ein schläfriges Nest in Südflorida, eine halbe Autostunde entfernt von der Küste. Dann ließ der Immobilien-Rausch Lehigh flächenmäßig fast auf die Größe der Hauptstadt Washington anwachsen. Begonnen hat es in den 1950er-Jahren, anfangs noch recht gemächlich. Lee Ratner, ein Geschäftsmann aus Chicago, erwarb billiges Farmland, teilte es in hunderttausend Parzellen und fing an, die Grundstücke zu verhökern. Seine ersten Kunden waren Pensionisten aus dem winterkalten Norden.

Als Soila Canales kam, Ende der Achtziger, war Ronald Reagan noch Präsident und Lehigh noch Pensionistenkolonie. Soila und Samuel Canales kauften sich am Leeland Heights Boulevard für 84.000 Dollar ein Haus. Samuel betrieb einen Abschleppdienst, es ging bergauf. Und Soila, deren Eltern aus Mexiko stammen, dachte, nun hätten sie es endlich geschafft, nun seien sie Mittelklasse, richtige US-Amerikaner mit Chevrolet und Barbie-Puppen und den eigenen vier Wänden.

Tochter Delilah, 1996 geboren, übt in "Patty's Dance Studio" Tanzen, seit sie drei Jahre alt ist. "Das ist ihr Leben" , sagt Soila und fügt hinzu, dass sie noch gar nicht weiß, wie sie es Delilah beibringen soll, dass sie nun wegziehen müssen. Ihre Stimme klingt matt, sie nimmt Schlaftabletten, weil sie sich sonst zu sehr aufregen würde. Das Haus ist futsch, der Sheriff war da, zeigte den Räumungsbefehl und gab ihr drei Stunden Zeit zum Kofferpacken. "Es ging alles so schnell. Es ist völlig verrückt."

"Crazy" Preisanstiege

Verrückt, es ist das Wort, das Soila immer wieder benutzt, auch, um den Boom zu beschreiben. Überall Lärm, Bagger, Bohrhämmer, Lastwagen. Und wie die Hauspreise stiegen - "crazy!". Vor drei Jahren war Schluss, so plötzlich, als hätte jemand das Licht ausgeknipst. Lehighs bester Zeit folgte die schlechteste, übergangslos. Soila verlor ihren Job in der Schulküche, im August ließ sie sich von Samuel scheiden. Seither kann sie die Hypothek nicht mehr abstottern, übrig sind 23.000 Dollar, die sie der Bank noch schuldet. "Ich hab sie angefleht, eine Lösung zu finden, wir haben immer pünktlich bezahlt. Aber nein, die ließen nicht mit sich reden." Jetzt muss sie nach Georgia, wo ihr Vater in einem schäbigen Wohnwagen lebt. Soila wird Pfirsiche pflücken, für sechs Dollar die Stunde, "falls sie mich nehmen."

Die Maklerin Karen Johnson-Crowther hat sich am meisten darüber geärgert, dass im Rausch plötzlich "jede Kellnerin" begann, mit Immobilien zu handeln. Zwei Wochen Schule, das reichte, um einen Schein zu kriegen, wie im Fieber sei das gewesen. Johnson-Crowther kennt kleine Angestellte, die sich das Zehnfache ihres Jahresgehalts borgten, um in Lehigh an ein Häuschen zu kommen. Die Geldinstitute sahen nicht hin, man konnte Fantasiegehälter auf den Fragebogen schreiben. Pikiert spricht die Maklerin von Lügnerdarlehen.

Für sie ist es kein Betriebsunfall, sondern eine Generationenfrage. Auch ihr Vater war einst aus dem windigen Chicago ins paradiesische Florida gezogen, aber um es sich leisten zu können, hatte er lange gespart. "Und heute? Heute wollen wir alles sofort" , sagt sie und schnipst mit den Fingern. "Das Einfamilienhaus? Her damit! Ein großes Auto? Steht mir zu, das Geld pumpe ich mir!" Der Verstand sei auf der Strecke geblieben, sagt sie und schiebt ein Blatt Papier über den Tisch. Die Chronologie einer Immobilie. Lehigh Acres, 4307 6th Street W, drei Zimmer, eine Doppelgarage. Im Jänner 2007 hat ein Käufer dafür 210.000 Dollar gezahlt, fast komplett auf Kredit finanziert. Im Jänner 2009 hat Johnson-Crowther es für 37.500 Dollar ersteigert.

Jedes dritte Haus ist in Lehigh unter den Hammer gekommen, zwangsversteigert. Was leer steht, lockt Kriminelle an, Kupferdiebe, die Teile der Klimaanlage herausreißen, und Drogenbanden, die hinter verschlossenen Türen Marihuanapflanzen züchten.

Die Banker lockten

Als sich Keith und Maria Richter in Lehigh ansiedelten, 1997, war die Baubranche schon auf die Idee gekommen, Straßenzügen Namen zu geben, die britisch und damit irgendwie vornehm klingen sollten. Windermere Drive. Westdale Avenue. Highland Avenue. Die Richters wohnen in der Highland Avenue. Nichts erinnert ans schottische Hochland, die Gegend ist flach wie ein Tisch. Und nichts ließ die Zuzügler seinerzeit ahnen, dass es mal so schief gehen könnte. Beide waren bei der Armee, beide hatten gespart. Keith unterrichtete Mathematik, später gründete er eine kleine Computerfirma. "Aber ich blieb auf dem Teppich", sagt Keith, ein kräftiger, selbstsicherer Kerl von 41 Jahren.

Die überbreite Auffahrt zum Grundstück goss er selbst, stolz ritzte er die Initialen seiner drei Kinder in den Beton. Und auch als die Banker lockten, ihr Anwesen sei nun 325.000 Dollar wert, warum sie darauf nicht wenigstens zweihunderttausend als Konsumentenkredit aufnehmen, lieh er sich nur die Hälfte der Summe. Davon beglich er Kreditkartenschulden und kaufte sich ein Auto. Keith machte es wie alle, die in ihrem Häuschen eine Art Geldautomat sahen.

Heute sitzen die Richters auf 210.082 Dollar Schulden, verzinst mit 6,725 Prozent. Sie wären obdachlos, wäre Keith nicht auf die Idee gekommen, private Insolvenz anzumelden. Es ist nur ein Aufschub, das weiß er. Maria nickt zu jedem Wort, auch, als ihr Mann die Arme ausbreitet und in Schauspielerpose fragt: "Was, bitte sehr, soll ich falsch gemacht haben?" (Frank Herrmann aus Lehigh Acres, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.2./1.3.2009)

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    Ab 21.900 Dollar: Makler Fred Eliott versucht Konkursobjekte in Lehigh Acres loszuwerden.

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