Nicht vor und nicht zurück

27. Februar 2009, 18:49
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Mariami (29) ist eines von vielen Langzeit- Au-pairs aus dem Osten Europas, die zwischen alter Heimat und neuem Leben, Studentendasein und Illegalität ihren Weg finden müssen

"Wenn ich groß bin, komme ich nach Deutschland?" Schon als Kind hat sie das immer ihre Mutter gefragt, und vielleicht war es damals schon weniger eine Frage, vielmehr eine Feststellung. Mariami muss ungefähr sechs gewesen sein, Mitte der 80er-Jahre in Usurgeti, einem kleinen 500-Einwohner-Dorf im Nordwesten Georgiens, wo sie aufgewachsen ist und wo die Straßen noch keine Namen, die Häuser keine Nummern hatten, aber alle Einwohner einander kannten - und die Postzustellung trotzdem funktionierte.

Mariami ist ein aufgewecktes Mädchen, das kleinste dreier Geschwister, ihr Bruder ist acht, ihre Schwester vier Jahre älter. Sie ist eine begabte Schülerin, spielt von klein auf im Schachklub, lernt Geige und Klavier. Die Familie ist nicht wohlhabend, "aber wir hatten alles, was wir zum Leben brauchten", sagt Mariami. Der Vater arbeitet in der staatlichen Landwirtschaft, verwaltet Grundstücke. Ihre Mutter ist Lehrerin - für Deutsch.

Deutschland. Das war immer ein Sehnsuchtsort. Eine ferne Vorstellung, aber auch ein fixer Bezugspunkt. Sie kann sich noch erinnern an sich selbst als Kind, wie sie hinten im Garten am Zaun steht und jenes Spiel spielt, das alle Kinder einmal spielen: Was kommt hinter dem Zaun? Hinter dem Nachbarhaus? Hinter dem Dorf? Hinter den Bergen? Wie weit geht die Welt? Usurgeti, Georgien, das Meer, Europa. Irgendwann kommt Deutschland. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Mariami, Jahrgang 1979, sitzt hinter einem Caffè Latte im georgischen Lokal "Madiani" am Wiener Karmelitermarkt, die Chefin kennt die Georgerin und grüßt sie herzlich, dann erzählt die junge Frau weiter. Als Ende der 1980er-Jahre die Sowjetunion zerfällt und Georgien 1991 unabhängig wird, ist sie gerade einmal zwölf Jahre alt. "Es war die Zeit, als alle in Dunkelheit lebten", sagt Mariami eindringlich. Sie spricht jedes Wort sehr deutlich aus, konzentriert sich beim Sprechen, damit sie die Sätze fehlerlos formuliert. Dann starren ihre dunklen Augen, ohne zu blinzeln, auf einen Punkt der Tischplatte, bevor sie ihren Kopf wieder hebt. Die Zeiten nach der Unabhängigeit bedeuten zunächst: kein Strom, kein Gas, kein Fließwasser. Menschen, die auf offenen Feuerstellen kochen. Hauptsache essen. Die Erinnerung, im Bett zu liegen und mit klammen Fingern über der Decke ein Buch zu lesen. Dazu kommt, dass der Bruder schwer an Diabetes erkrankt und alles, was die Eltern verdienen, für Medikamente benötigt wird. Mariami erklärt: "Kein Geld hieß: kein Studium." Für sie wird immer klarer, was für ihre beiden Geschwister unvorstellbar ist: Sie will weg aus Usurgeti. Will weiterkommen. Hinter den Zaun. Aber dieser Zaun, der ist hoch, bis heute.

Migrantinnenschicksal

In die Hauptstadt, nach Tiflis, zu gehen, um dort Deutsch zu studieren (sie finanziert das mit Nebenjobs), blieb eine Zwischenstation auf dem Weg nach Europa. Mittlerweile ist Mariami 29 Jahre alt, lebt (mit Unterbrechungen) seit acht Jahren im Ausland. In der Kurzversion: Zuerst zwei Jahre in Deutschland, als Au-pair. Dann in Österreich als Studentin. Oder besser: als Studentin und Au-pair. Die lange Version ihrer Geschichte ist sehr viel komplizierter.

Rund 1500 Au-pairs gibt es in Österreich, die beim AMS gemeldet sind, sie kommen alle aus EU-fremden oder ehemaligen Ostblockstaaten. Denn Au-pairs aus anderen EU-Staaten müssen nicht angemeldet werden. Klar, es gibt sehr viel härtere Migrationsschicksale: Au-pairs aus dem Osten kommen in der Regel weder mit Schlepperbanden nach Österreich, noch haben sie in einem Flüchtlingsboot unter Lebensgefahr ein Meer überquert. Dennoch haben sie es schwer, ihren Weg zu finden - zwischen neuem Leben und alter Heimat, zwischen legalem Au-pair- bzw. Studentenstatus und illegalem Asylantendasein, zwischen westeuropäischem Lebensstandard und ihrer Familie im Osten, kurz: zwischen Hierbleiben und Zurückgehen.

Mariamis hübsches Gesicht sieht blass aus. Kleine Schatten liegen unter ihren Augen, so als hätten die Anstrengungen der vergangenen Jahre sie nicht ausreichend schlafen lassen. Was durch das Wort "Au-pair" nach einem spannenden Jahr mit Anfang zwanzig klingt, ist in Mariamis Fall zu einem Migrantinnenschicksal geworden, und das, obwohl sie bis heute nicht vorhat, in Österreich zu bleiben. Alles, was sie will, ist ein Abschluss, um in Georgien eine Basis zu haben.

Doch von vorn: Über eine Freundin, die bereits in Deutschland war, bekam Mariami im Jahr 2000, als sie bei ihrer Tante und Cousine in einer Einzimmerwohnung in Tiflis lebt, die Chance auf einen Au-pair-Platz in Baden-Baden. Was nach simplem Prozedere klingt, war ein kompliziertes Unterfangen. Als ihr die Au-pair-Familie Unterlagen schicken will, wird Mariami klar, dass sie zu Hause auf dem Land nicht einmal eine richtige Adresse hat. Am Telefon muss sie plötzlich Deutsch sprechen und versteht kein Wort, weil sie die Sprache bislang nur als Schulfach hatte. In Tiflis muss sie tage- und nächtelang vor der Botschaft in der Schlange stehen, weil sie zuerst einen Aufenthaltsantrag stellen musste und dann nicht Bescheid bekam, wann und ob er durch war. Und: Weil in Georgien der Bankenverkehr mit Europa nicht funktioniert, muss die Familie in Deutschland Geld für ein Flugticket mit jemandem nach Tiflis mitschicken.

Als sie endlich ein Foto der Au-pair-Familie in Händen hält (zwei Kinder, ein halbes Jahr und zwei Jahre, sitzen auf dem Boden eines riesigen Wohnzimmers, um sie herum eine Menge toller Spielsachen), weiß sie nicht, was größer ist: die Freude oder die Angst. Eine Menge Zweifel schießen durch ihren Kopf: Werde ich die Sprache verstehen? Mich mit diesen Spielsachen auskennen? Mit den modernen Haushaltsgeräten? Werde ich mich in der Stadt zurechtfinden? Und beim Einkaufen im Supermarkt? Mariami streicht sich die Locken aus dem Gesicht, zündet sich eine Zigarette an: "Wir wussten sehr wohl durch das Fernsehen wie Menschen in Europa leben, aber das hatte nur wenig mit unserem Leben zu tun", erklärt sie. Sie kauften ihre Lebensmittel immer von Leuten auf der Straße oder bauten Gemüse im Garten an. Spielsachen besaß Mariami außer einer einzigen Puppe keine. Eine Waschmaschine hat ihre Mama erst vor zwei Jahren gekauft.

Mit 21 Jahren landet Mariami mit einem Koffer und einer Tasche in Frankfurt. Den Eltern hat sie erst Bescheid gegeben, als sie schon alles in der Tasche hatte: Aufenthaltsgenehmigung, Flugticket und das Okay der Gastfamilie. Bis zum heutigen Tag schwanken sie zwischen Stolz, dass die Tochter im Ausland lebt und Traurigkeit, weil sie nicht mehr bei ihnen ist.

Der Anfang in der Familie war hart, sagt Mariami. Sie hatte Heimweh. Es gab viele Missverständnisse, das weiß sie heute. Sie versteht kaum ein Wort, kann Stadt- und Fahrpläne nicht lesen und wird im Supermarkt wegen eines Topfreinigers, den sie im Kinderwagen vergisst und nicht bezahlt, fast verhaftet. Sie verdient 400 DM im Monat, aber ihr bleibt nichts; ein halbes Jahr lang arbeitet sie ihr Flugticket ab und im zweiten Halbjahr die hohen Telefonrechnungen, die sie produziert, weil sie ständig mit Georgien telefoniert.

Behördenmarathon

Nach einem Jahr wird ihr Aufenthaltsstatus als Au-pair ablaufen. Das weiß Mariami. Für sie beginnt ein Behördenmarathon, der sich bis heute regelmäßig wiederholt, wobei es immer um eines geht: den Aufenthaltsstatus zu verlängern. 2001 beschließt sie zu studieren. Mithilfe ihrer Gastmutter schickt sie Bewerbungen an verschiedene Universitäten. Es wird knapp, eine Zulassung hat sie noch nicht, auch bei der notwendigen Deutsch-als-Fremdsprache-Prüfung fällt sie durch. Auf der Botschaft will Mariami ihre Situation noch erklären und um Aufschub bitten, als der Beamte mit ihr kurzen Prozess macht, den Stempel nimmt und in ihren Pass haut: "Ungültig" steht in fetten Lettern über ihrer Aufenthaltsgenehmigung. Heißt: Sie muss zurück nach Georgien, dabei hat sie nicht einmal Geld für den Rückflug, ihr Aupair-Job ist zu Ende, und ihre Gastfamilie zieht gerade in eine neue Stadt. Irgendwann steht sie mitten in der Nacht mit ihren Koffern auf einem Bahnsteig und weiß nicht mehr, wohin.

Für Menschen in vermeintlich gesicherten Verhältnissen sind solche Situationen kaum vorstellbar. Da gibt es immer Freunde, ein Netz, eine Kreditkarte. Aber genau diese Unsicherheit, dass alles morgen zu Ende sein kann, dass man plötzlich mit nichts auf der Straße steht, macht Mariamis Leben so anstrengend, auch wenn sie es selbst gewählt hat. Wenn man sie beim Erzählen beobachtet, wird neben ihrer Zartheit auch eine große Zähigkeit spürbar. "Ich bin stur", sagt sie über sich. Aber sie ist nicht nur stur, sie ist auch akkurat und verlässlich in ihrer Arbeit. Mit fast allen, für die sie gearbeitet hat, ist sie weiter in Kontakt. Das ist ihr Netz, aber Hilfe anzunehmen fällt ihr nicht leicht - ob aus Scham oder Stolz, weiß sie nicht. Manchmal schafft sie es doch. In Deutschland etwa war es eine ältere Dame, für die sie nebenbei gearbeitet hat, die ihr durch ihre einflussreichen Verbindungen den Aufenthalt um einen Monat verlängert hat, damit sie Geld für den Flug zusammenkratzen konnte.

Im Schnellvorlauf: Sie fliegt zurück. Zu Hause ist es schrecklich, auch dort hängt sie in der Luft. Obwohl sie einen Freund in Georgien hat, der will, dass sie bleibt, kommt sie nach einem halben Jahr auf Einladung ihrer ersten Au-pair-Familie nach Deutschland zurück, verbringt ein weiteres Jahr dort und versucht noch einmal, an einer Uni aufgenommen zu werden. Als es wiederum nicht klappt und es mit der Aufenthaltsgenehmigung eng wird, beschließt sie, nach Österreich zu gehen. 2003 kommt sie nach St. Pölten, zu einer Familie mit zwei kleinen Söhnen, und schafft es 2004 endlich, an der Universität Wien aufgenommen zu werden, um Germanistik zu studieren. Sie wird von St. Pölten nach Wien ziehen. Es folgen die Au-pair-Familien Nummer drei und vier. Sie hütet Kinder, sie kocht, sie putzt, sie wäscht, und sie bügelt. Wenn es von ihr verlangt wird, geht sie mit dem Hund morgens Gassi, fährt mit Familien in den Urlaub, macht mit Kindern ein Ferienlager oder schleppt Möbel bei einem Umzug. Obwohl sie geringfügig beschäftigt sein dürfte, alles immer illegal. Der einzige Versuch einer Familie, sie beim AMS anzumelden, wird abgelehnt. Daneben soll sie natürlich noch studieren, denn von ihrem Studienerfolg hängt immerhin ihr Aufenthaltsstatus ab.

Rückzug und Familienanschluss

Ein Au-pair-Verhältnis setzt Vertrauen voraus - von beiden Seiten. Kindermädchen sind ganz nah an den Familien dran. Bevor Mariami weiter über das Leben in den Familien spricht, sagt sie noch: "Bitte mich nicht falsch verstehen!" Aber schnell wird klar, wie viele Gratwanderungen diese Mädchen machen müssen. Sie verbringen mehr Zeit mit den Kindern als die eigenen Eltern, was vielfach Grund zur Eifersucht gibt. Sie leben mittendrin, das heißt sie müssen mit allen innerfamiliären Konflikten umgehen und eine vor allem von der Familie erwünschte Mischung aus Rückzug und Familienanschluss finden. Mariamis dritte Gastmutter etwa lebte in Scheidung. Für Mariami hieß das, ihren Status als (illegales) Au-pair vor dem Mann, der besuchsweise kam, zu verschweigen, weil die Frau ihm keinen Klagsgrund liefern wollte. Sie war einfach eine Studentin, die zur Untermiete wohnte. Ganz zu schweigen davon, es würde etwas mit einem Kind passieren - so wie in Familie Nummer vier, wo sich die Tochter ausgerechnet an Mariamis erstem Arbeitstag die Hand gebrochen hat. Ein Bub schubste sie, die Fünfjährige stürzte. "Das verzeiht man sich kaum!", sagt Mariami ernst.

Dazu kommt: Au-pairs leben mitten in europäischen Mittel- und Oberschichtfamilien, deren Luxus sie gewissermaßen erst möglich machen, indem sie die Mütter entlasten, damit diese sich beruflich entfalten und zum Familieneinkommen beitragen können. Sie leben in großen Wohnungen und Häusern, beschäftigen sich mit Kindern, die alles haben, verbringen Urlaube und Wochenenden, die sie sich nicht leisten könnten. Das Bittere: Sie lernen ein Leben kennen, das sie selbst nicht werden führen können, weil Einwanderungsgesetze und individuelle Lebensumstände das kaum zulassen.

Nach drei Wochen flüchtet sie

Wie brüchig der Boden solcher Migrantinnenlebensläufe ist, beweist eine Episode aus Mariamis Leben, die sie gerne aus ihrer Biografie streichen würde. Nicht immer sind die Übergänge von Familie A nach B, in diesem Fall von St. Pölten nach Wien glatt verlaufen. Auf ihr Jobinserat im Bazar melden sich wochenlang keine Familien, sondern ältere Männer, auf deren Angebote Mariami nicht eingeht. Aber, wie so oft, wird die Zeit knapp: In der alten Familie landet das neue Au-pair, in Wien beginnen die Vorlesungen, die junge Frau braucht eine Wohnung und einen Job - und landet bei einem 70-jährigen Psychopathen. Sie schleppt Waschbetonplatten, fotografiert desolate Wohnungseingänge und liefert dubiose Unterlagen an komische Adressen. "Wie ich da reingeraten bin, weiß ich bis heute nicht", sagt sie verständnislos. Zudem wohnt sie unter unvorstellbaren Bedingungen. Der Mann wurde nie zudringlich, zumindest nicht physisch, bloß verbal. Nach drei Wochen flüchtet sie aus dem Horror, nimmt es gerne in Kauf, dass sie für die neue Gastfamilie rund um die Uhr verfügbar sein muss.

Oberflächlich betrachtet, haben sich Mariamis Lebensumstände in den vergangenen Jahren verbessert: Nach sieben Jahren in vier verschiedenen Familien lebt sie zum ersten Mal allein in einer kleinen Wohnung, die ihr die vierte Gastfamilie zur Verfügung stellt (für den Gegenwert von 320 Euro und circa 20 Wochenstunden, die sie dort arbeitet). Nebenbei kann sie noch Geld verdienen, studieren und ihren mehrstufigen Sprachkurs absolvieren. Und: Sie hat in Wien gute Freundinnen gefunden. Die meisten sind, wie sie, Langzeit-Au-pairs aus Georgien, die jetzt mit Ende zwanzig ihren Weg in ein Erwachsenenleben finden müssen. Die Frauen funktionieren untereinander wie ein Netzwerk, schanzen sich Jobs zu, borgen einander Geld, wenn wieder ein Bankauszug für die Aufenthaltsgenehmigung fällig ist, gehen gemeinsam aus oder sind füreinander da, wenn es Probleme gibt.

Und die gibt es. Denn bei näherer Betrachtung sitzt die 29-Jährige heute mehr denn je zwischen allen Stühlen. Das hat mit ihrer Familie in Georgien zu tun. Im März 2006, noch immer fällt es Mariami schwer, darüber zu sprechen, stirbt ihr älterer Bruder an den Folgen seiner Diabetes. Eines Abends hat sie die Schwester am Handy, die sagt: "Du musst kommen. Er hat nach dir gefragt." Mariami spricht mit Schleier über den Augen: "Die haben mir nichts gesagt. Dabei war mein Bruder schon tot!" Sie borgt sich von Freunden Geld, fliegt nach Hause und riskiert den Bruch mit der Gastmutter, die als berufstätige Alleinerzieherin mit drei Kindern im Regen steht. Das Versprechen nach einer Woche wiederzukommen, wird sie nicht halten. Entfernte Verwandte holen sie vom Flughafen ab. Auf der Fahrt nach Usurgeti denkt sie nur an die Haustüre, die zu Hause offen stehen könnte (in Georgien ein Zeichen, dass in der Familie jemand gestorben ist). Und tatsächlich. Im Zimmer des aufgebahrten Bruders bricht sie zusammen. Zum ersten Mal nach vielen Jahren will sie nicht mehr zurück, sondern zu Hause bleiben, bei den Eltern, bei ihrem Freund, den es noch gibt.

Ihre Eltern sind inzwischen alt - und gebrochen. Aber sie sind es, die Mariami überreden weiterzumachen: "Wenn du deinen Traum lebst, gibt uns das Hoffnung!" Immer wieder unterstützen sie Mariami, auch mit Geld, so gut es geht. Ende April ist ihre jüngste Tochter wieder zurück in Wien, steht erst einmal vor verschlossenen Türen ihrer Gastfamilie, die sind im Urlaub. Die Anmeldefrist für Lehrveranstaltungen hat sie versäumt, und der Antrag für ein Visum ist wieder fällig, sonst droht ihr die Abschiebung.

Fast wie in Trance bündelt sie noch einmal ihre Kräfte, stellt sich durch Vermittlung ihrer Freundin bei einer neuen Familie vor, regelt ihr Visum, überredet Professoren, ihr neue Prüfungstermine zu geben - macht weiter.

"Nein, hier gab es nie jemanden", sagt Mariami so selbstverständlich auf die Frage nach einem Freund in Österreich, als wäre es normal für eine junge Frau zwischen 20 und 30 sieben Jahre lang einen Freund zu haben, der tausende Kilomter weit weg lebt. Mariami hat sich in den Jahren im Ausland viel an westlicher Lebensweise angeeignet, aber in diesem Punkt ist sie traditionell geblieben. Als sie im Sommer 2007 nach eineinhalb Jahren nach Hause fährt, heiratet sie ihre Jugendliebe. Mit Georgi will sie ihr Leben verbringen. Bis dato war das kaum möglich. Nicht einmal mit einem Touristenvisum darf ihr Mann nach Österreich und seine hier studierende Frau besuchen. An der deutschen Botschaft in Tiflis wurde sein Antrag bereits abgelehnt. Und weil es in Georgien keine österreichische Botschaft gibt, müssten weitere Anträge in Ankara oder Kiew gestellt werden. Wenn das nicht klappt, bliebe ihm nur der illegale Weg.

Sie landet mitten im Krieg

Weil er bis dato nicht nach Österreich dürfte, fliegt sie zweimal im Jahr nach Hause, was finanziell ein Kraftakt ist. Im Sommer 2008 landet sie mitten im Krieg, der nicht nur die politischen Beobachter in Angst und Schrecken versetzt hat. Mariami kann nicht mehr raus, muss in Usurgeti um ihren Mann zittern, der sich versteckt, um nicht eingezogen zu werden. Per SMS schickt sie Nachrichten nach Österreich, die manchmal ankommen, manchmal nicht. Sie hört Bomben einschlagen, und in Usurgeti gibt es junge Männer, Freunde, die fallen.

Im Frühjahr ist wieder eine Verlängerung ihres Visums fällig. Seit der Heirat ist sie unsicher, ob sie ihr Studium zu Ende bringen wird. Ihr Mann will, dass sie zurück kommt, will Kinder. Eigentlich, sagt Mariami, wollte sie aufgeben, mit ihrem Mann in Usurgeti leben. Aber, sie schüttelt den Kopf, starrt wie ein trotziges Kind geradeaus: "Das kann ich nicht!" Wozu wäre alles gut gewesen? "Ich brauche einen Abschluss!" Ohne den hat sie in Georgien keine Perspektive, außer ein Leben bei den Schwiegereltern, mit Kind, aber ohne Arbeit.

Der Caffè Latte muss schon kalt sein, sie trinkt ihn wie ein geschwächter Vogel, der langsam wieder zu Kräften kommt. Je länger sie hier sitzt, desto klarer wird, was sie sagen will: "Weißt du?", beginnt sie ihre Sätze gerne, "ich habe schon so vieles bereut!" Sie denkt an verlorene Semester, an leicht verdientes, aber wieder schnell ausgegebenes Geld, die vielen Telefonrechnungen und die Jahre ohne Georgi - an Zeiten, in denen sie dachte, sie hätte ewig Zeit. "Ich möchte nichts mehr bereuen!", sagt sie stur. Ihre größte Angst wäre es, dieses Bild hat sie lebhaft vor sich, wieder in Usurgeti zu sein und hinten im Garten zu stehen, an derselben Stelle wie damals als Kind, vor dem Zaun, und zurückzuschauen auf ihr Leben hier - und trotzdem nichts zu haben. Da macht sie lieber weiter.

(Mia Eidlhuber, DER STANDARD, Print, 28.2./1.3.2009)

Info:

Im Standard erscheint am 4. 3. 2009 ein SPEZIAL zum Internationalen Weltfrauentag.

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  • "Ungültig" stand da plötzlich in fetten Lettern auf ihrer Aufenthaltsgenehmigung, das hieß: zurück nach Hause, zurück an den Start.
    foto: christian fischer

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  • Weitermachen, auch an der Uni, denn ohne Abschluss hat sie in Georgien keine Perspektiven.
    foto: christian fischer

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