Gulag und Tauwetter

27. Februar 2009, 17:21
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Es gibt wenige Autoren, die sich so eindringlich im Gemüt festkrallen wie der in London lebende Tom Rob Smith. Das kommt daher, dass er keine reine Fiktion schreibt, sondern seine Krimis in der Stalinzeit spielen lässt, sie also in der Historie verankert. Sein zwiespältiger Antiheld Leo, einst ein KGB-Agent, der, ohne lang nachzudenken, Leute denunziert, verhaftet und so der Exekution oder dem Gulag überantwortet hat, ist im zweiten Roman Leiter einer Mordkommission geworden, welche offiziell gar nicht existiert, da es ja im Arbeiter-und-Bauern-Paradies Sowjetunion gar keine Verbrecher geben kann.

Als Chruschtschow sich in seiner Rede auf dem 20. Parteitag von Stalin zu distanzieren beginnt, ändert sich das politische Klima. An den allmächtigen Häschern von gestern scheint sich nun jemand rächen zu wollen. Etliche werden ermordet, Leo selbst wird bedroht. Geschickt verbindet der Autor das erste zaghafte politische Tauwetter mit dem Ungarnaufstand und der Mission Leos in Kolyma, einem sibirischen Gulag. Smith schildert keine eindimensionalen Menschen. Gut und Böse liegen dicht beieinander, Vertrauen in andere Menschen, selbst wenn es Familienmitglieder sind, kann tödlich sein. Es ist der alltägliche Terror, der die Menschen kleinhält und die Mächtigen an der Macht. Manche Szenen, besonders das Schlusskapitel wirken so, als hätte Smith es in Hinblick auf einen Actionfilm verfasst. Dennoch - "Kolyma" ist aufwühlend und absolut lesenswert. (Ingeborg Sperl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 28.02/01.03.2008)

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www.krimiblog.at

 

Tom Rob Smith, "Kolyma" . Deutsch: Armin Gontermann. € 20,60 / 472 Seiten. DuMont, Köln 2009

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