Der gute Ton aus Stahlbeton

27. Februar 2009, 17:10
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Am Sonntag wird in Graz das Musiktheater Mumuth eröffnet. Die Partitur stammt vom niederländischen Büro UN Studio

Eine Hörprobe.

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Ach, wie oft wurde Schopenhauer schon bemüht. Architektur. Gefrorene Musik. Alles schon gehört. Die meisten Bauwerke, die die Metapher der zarten Klänge für sich beanspruchen, stellen sich nach kürzester Zeit jedoch als ohrenbetäubender Krawall heraus. Da wird zusammengetrommelt, aufgegeigt und rücksichtslos hinausposaunt. Anders das Mumuth in Graz. Mit ruhigen Fingern haben Caroline Bos und Ben van Berkel vom niederländischen Büro UN Studio im neuen Musiktheater Note für Note an den für sie bestimmten Ort platziert.

Die ersten Ideen für ein zentrales Übungs- und Veranstaltungsgebäude der Universität für Musik und darstellende Kunst reichen bis in die Sechzigerjahre zurück. Zur tatsächlichen Ausschreibung kam es allerdings erst 1997. Aus einem internationalen Wettbewerb, an dem weit über 200 Büros teilgenommen hatten, ging UN Studio als Sieger hervor. Zwei Jahre später wurden die Architekten beauftragt. Und dann - nichts.

Graz brauche keine zweite Oper, hieß es in Zeiten von Schwarz-Blau. "Wir hatten das Projekt schon fast für tot erklärt" , sagt der Uni-Rektor Georg Schulz, "erfreulicherweise war mein Vorgänger Otto Kolleritsch aber so engagiert, dass es im März 2006 dann doch noch zum Spatenstich kam."

Die Freude ist groß. Endlich könne man den Studierenden genug Raum bieten, um zu üben und das Geübte schließlich im passenden Rahmen vor Publikum zu präsentieren. Der Probebetrieb läuft bereits seit November, morgen Sonntag wird feierlich eröffnet.

Um es vorwegzunehmen: Wer sich eine urbane Skulptur mit Anmut und Grazie erwartet hat, der wird vom neuen Musiktheater enttäuscht sein. Die Außenhülle des Mumuth (Gesamtbaukosten 19 Millionen Euro) ist unspektakulär, ja sogar hässlich. Da hilft kein abgerundeter Sockel, kein über die Gebäudehöhe geblähtes Stahlgitternetz, kein buntes LED. Die Proportionen sind verpatzt. Das Ding steht da wie ein blechernes Mammut mit Übergewicht.

"Ich habe nichts dagegen, dass das Mumuth bei Tageslicht hermetisch und abgeschlossen wirkt" , erklärt Schulz, "eigentlich handelt es sich ja um zwei Gebäude in einem." Untertags läuft ganz normaler Unibetrieb, erst am Abend mutiert das Haus zu einem öffentlichen Theater. Auf Knopfdruck geht das Licht an und verwandelt den Dickhäuter in ein zart besaitetes Instrument. Theoretisch soll dabei das Innenleben nach außen gekehrt werden. Theoretisch.

Oper, Jazz und MTV

Aber das macht nichts. Sobald nämlich die Tür ins Schloss fällt und das Stadtleben verstummt, wird der Besucher mit einer spektakulären Partitur für alles Bisherige entschädigt. In Wogen und Wellen räkelt sich der Beton, glatt wie Babypopo, durchs Foyer und versetzt das Haus in euphonische Schwingungen. Ob die Architekten eine bestimmte Musik im Ohr hatten, als sie den Innenraum entwarfen? "Wir haben uns ein wildes Potpourri vorgestellt", erklärt Ben van Berkel gegenüber dem Standard, "wir dachten an alles gleichzeitig. An Oper, Jazz und MTV."

Wie von Geisterhand geführt, wandert man intuitiv die Treppen hoch. Kein Pfeil, kein Hinweisschild, kein unnötiger Behelf an der Wand. "Wir wollten ein Haus bauen, das trotz aller visuellen Opulenz klar und logisch aufgebaut ist" , sagen die Architekten, "wir wollten, dass sich die Besucher auch ohne nachträglich aufgesetztes Leitsystem zurechtfinden."

Eine Sinfonie aus Stein, Beton und Edelstahl geleitet den Besucher in den ersten Stock. Sobald man im säulenlosen Pausenraum mit Blick auf Park und Dachlandschaft angekommen ist, erschließt sich einem die Funktion der massiven Betonspirale. Sie ist das statische Rückgrat des Mumuth und trägt ein Drittel des gesamten Hauses. Das konstruktive Konzept - ein Meisterwerk der Ingenieurskunst - stammt vom Londoner Büro Ove Arup & Partners. "Das Ding sieht schlimmer aus als es ist" , sagt Hannes Pfau, Projektleiter bei UN Studio, "statisch betrachtet, ist die Spirale ein simples dreidimensionales Kräftesystem."

Es spricht der Profi: Die beiden Wände des Konzertsaals, die aus akustischen Gründen ohnehin in Stahlbeton gefertigt werden mussten, werden in den Pausenraum gezogen und um 90 Grad gedreht. Die eine Wand mutiert zur Deckenplatte über dem Erdgeschoß, die andere vollzieht ein Twist nach oben und stellt sich nach erfolgreicher Transformation plötzlich als Dach heraus. "Natürlich wird die Gebäudelast ins Erdreich geleitet - aber nicht etwa über den Betontwist, denn der schwebt schwerelos über dem Boden, sondern über die Seitenwände des Saals." Das ist angewandtes Kräftespiel für Fortgeschrittene.

Schöner kann gefrorene Musik nicht sein. Wenn tagsüber Sopran und Bariton aus den Übungsräumen dringen, muss man unweigerlich vor dem roten Treppenteppich verharren. Respekt vor dem Gesang, Respekt vor der Architektur. "Die Beziehung zwischen Musik und Baukunst ist eine sehr klassische", sagt Ben van Berkel, "in diesem Gebäude harmonieren Blick und Gehör jedoch besonders gut." Zugabe: Ab 4. April wird im Mumuth die Johannes-Passion von Bach aufgeführt. Das Bühnenbild dafür stammt von UN Studio. (Wojciech Czaja, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 28.02/01.03.2008)

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    Foyer im ersten Stock. Von hier aus gelangen die Besucher direkt in den Konzertsaal. Die überaus verführerische Stahltreppe ist den Studenten vorbehalten.

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