SORA-Chef Christoph Hofinger: "Keine Partei ist eine 'Arbeiterpartei' mehr"

2. März 2009, 12:24
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"Auch in Zukunft ist es wahrscheinlich, dass die Uhren in der Kärntner Politik immer etwas anders gehen als im restlichen Österreich". Angesichts des Wahlmotivs "Arbeitsplatzpolitik" meint Meinungsforscher Christoph Hofinger (SORA): "Keine Partei ist eine 'Arbeiterpartei' mehr, für alle spielen etwa PensionistInnen und Angestellte zahlenmäßig als Wählergruppe eine größere Rolle". Hofinger sprach im derStandard.at-Chat über junge Männer, die Blau und Orange wählen, warum die Wahl in Kärnten eine "Richtungsentscheidung" war und wieso die Grünen eine Krise haben, Endzeitstimmung aber nicht angebracht ist.

ModeratorIn: Wir begrüßen SORA-Chef Christoph Hofinger im derStandard.at-Chat und bitten die UserInnen um Fragen!

Christoph Hofinger: Ich begrüße alle derStandard.at-UserInnen herzlich und freue mich auf einen spannenden Chat.

asora1: Wie sehr hat es Sie überrascht, dass das BZÖ in Kärnten so abgeräumt hat?

Christoph Hofinger: Die Zunahme hat alle überrascht, auch mich. Das ist das Schöne an Wahlsonntagen, dass es immer zumindest eine große Überraschung gibt.

ModeratorIn: Eine Userfrage per Email:Kärnten ist offenbar wirklich „anders“ – Sind das noch die Nachwirkungen Haiders, oder wird das auch in Zukunft so bleiben?

Christoph Hofinger: Auch in Zukunft ist es wahrscheinlich, dass die Uhren in der Kärntner Politik immer etwas anders gehen als im restlichen Österreich.

ModeratorIn: Noch eine Userfrage per Email: Anlässlich der Wahl Gerhard Dörflers stellt sich mir die Frage: Fährt man in Ö als Politiker besser, wenn man möglichst „einfach gestrickt“ ist, siehe etwa Negerwitze und Co. Wird einem Intelligenz vom Wähler übel geno

Christoph Hofinger: Die rassistischen Witze wurden fast nur außerhalb von Kärnten als Tabubruch wahrgenommen. Wie das Wahlergebnis zeigt, war es ja womöglich gar nicht unintelligent von Dörfler, diese Witze zu machen.

Rafaela: Warum lagen die Meinungsumfragen in Kärnten so daneben?

Christoph Hofinger: Zum einen gab es Spätentschlossene, die in den Umfragen mehrere Wochen vor der Wahl noch nicht deklariert waren. Aber das allein ist es nicht, wir führen mit unseren Kollegen in der Branche gerade angeregte Diskussionen, wie wir den demoskopischen Sonderfall Kärnten besser in den Griff bekommen. In Salzburg haben ja die Umfragen vor der Wahl das Ergebnis im Wesentlichen getroffen.

Nomade Nomade: Wieso zahlen die Meinungsforscher keine Pönale für falsche Prophezeiungen?

Christoph Hofinger: Meinungsforscher sollten mehr darauf hinweisen, dass ihre Umfragen Momentaufnahmen sind und sich oft bis zur Wahl noch einiges ändern kann. Außerdem hat die beste Umfrage mindestens 2 %, meistens 4-5 % Schwankungsbreite. Wichtig ist auch, dass Detailinformationen zur Umfrage mitveröffentlicht werden (genaue Fragestellung, Befragungszeitraum etc.) und die Medien in der Interpretation entsprechend vorsichtig sind, damit sich die WählerInnen selbst ein Bild machen können.

Lehmann Sister: Dörfler hat im Vergleich zu Haider null Charisma. Warum hat er trotzdem so viele Stimmen bekommen?

Christoph Hofinger: Es war laut unseren Wahltagsbefragungen eine Richtungsentscheidung in Kärnten, welche Partei den Landeshauptmann stellen soll, da ging es weniger um die konkrete Person. Das politische Umfeld war für Dörfler 2009 (Opposition zur rot-schwarzen Bundesregierung) besser als für Haider 2004 (Troubles der FPÖ in schwarz-blauer Regierung), das mag den Zuwachs an Stimmen bei gleichzeitiger Abnahme an Charisma erklären.

taeubchen: Ist Kärntens bevölkerung politisch wirklich "rechter" als andere Bundesländer?

Christoph Hofinger: Ja und nein. In Wien leben ca. 80.000 Kärntner, die wählen größtenteils Grün und Rot. Für die Bevölkerung in Kärnten selbst ist Abgrenzung und Protest gegenüber Wien oft wichtig und diesen trägt im Augenblick das BZÖ.

Charly Redcar: zeigt das wahlergebnis die stärke des bzö oder die schwäche der anderen parteien?

Christoph Hofinger: Sowohl als auch.

weltensammlerin: Gibt es Untersuchungen zu den Wahlmotiven von BZÖ-Wählern? Was begeistert die Menschenmassen so sehr?

Christoph Hofinger: Für die BZÖ-WählerInnen waren die wichtigsten Themen Arbeitsplätze und Gesundheit. Das war aber auch bei anderen KärntnerInnen ähnlich. Die Themen dürften den vom Unfalltod Haiders überschatteten Wahlkampf weniger geprägt haben als die Vermittlung eines "Wir-Gefühls" und das dürfte die Kampagne des BZÖ am ehesten geschafft haben.

nike samothrake: wie lange wird haider noch die kärntner seele noch fest im griff haben?

Christoph Hofinger: Die Bedeutung Haiders wird indirekt nachwirken, aber ich gehe davon aus, dass bei allen zukünftigen Wahlgängen die Rolle des Verstorbenen geringer ist. Heath Ledger hat seinen posthumen Oscar, Jörg Haider seinen posthumen Wahlerfolg als Schlusspunkt.

ModeratorIn: Angesichts der Wahlmotive - hat die SPÖ die Rolle als "Arbeiterpartei" jetzt endgültig an die FPÖ abgetreten?

Christoph Hofinger: Das hat es schon oft geheißen. Die ArbeiterInnen wählen bei Arbeiterkammerwahlen z. B. fast ausschließlich sozialdemokratisch. Im Gegensatz zu früher sind die ArbeiterInnen sehr mobile WählerInnen geworden. Keine Partei ist eine "Arbeiterpartei" mehr, für alle spielen etwa PensionistInnen und Angestellte zahlenmäßig als Wählergruppe eine größere Rolle.

nike samothrake: warum erwarten sich die kärntner ausgerechnet vom bzö hilfe in sachen arbeit und gesundheit?

Christoph Hofinger: Das weiß ich nicht. Es mag einen Regierungsbonus gegeben haben, der in der Krise zum Tragen gekommen ist.

Manfred Bieder: Wieviel Anteil hatte Wahlkampfleiter Stefan Petzner am Erfolg des BZÖ?

Christoph Hofinger: Auch das weiß ich nicht. Aber wenn eine Partei zulegt, kann der Wahlkampfleiter nicht alles falsch gemacht haben.

Charly Redcar: woher nehmen sie ihre annahme, dass die in wien lebenden kärntner überwiegend rot und grün wählen?

Christoph Hofinger: Das wissen wir aus Umfragen.

Station Sloterdijk: Ist die Zeit der Grünen außerhalb Wiens vorbei?

Christoph Hofinger: Die Grünen haben eine Krise, aber für Endzeitstimmung ist es etwas zu früh. 1995 wären die Grünen beinahe aus dem Nationalrat geflogen, 2008 waren sie zweistellig. Die Grünen sind in fast allen Städten Österreichs stark, nicht nur in Wien.

Rafaela: Warum haben die Grünen auch in Kärnten so schlecht abgeschnitten? Wandern alle kritischen Geister ab?

Christoph Hofinger: Das taktische Argument von 2004 hat gefehlt, als die Grünen im Wahlkreis Klagenfurt ein Grundmandat und daher sehr viele Stimmen brauchten. Die öffentlichen Debatten der letzten Wochen waren sicher kein Rückenwind für die Kärntner Grünen. Abwanderung seit 2004 kann nur einen kleinen Teil des Rückgangs erklären.

to mate: Werden es die Grünen in Kärnten noch schaffen?

Christoph Hofinger: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Unsere Wahlkartenprognose gibt ihnen 5,1 % am Ende des Tages.

lilith20: die spö verliert im moment jede wahl. warum?

Christoph Hofinger: Die Vergleichswahlen vor 5 Jahren wurden aus der Opposition heraus gegen eine angeschlagene Bundesregierung gewonnen. Generell könnte der SPÖ eine klarere sozialpolitische Botschaft, die auf die Wirtschaftskrise Bezug nimmt, helfen.

ModeratorIn: Eine Userfrage per Email: Wie sehen Sie die aktuellen Wahlergebnisse vor dem Hintergrund der Wienwahlen? Wird das auch ein Debakel für die SPÖ?

Christoph Hofinger: Nachdem in diesem Chat Pönalen für falsche Prophezeiungen vorgeschlagen wurden, werde ich mich bedeckt halten. Ich habe keine aktuellen Daten zur Wien-Wahl, man kann aber davon ausgehen, dass die FPÖ zulegen wird und da ist noch offen, in welchem Ausmaß und auf wessen Kosten.

Alles relativ!: Inwieweit kann man bei Landtagswahlen bundespolitische Aspekte überhaupt rein interpretieren? Wenn man sich die Ergebnisse zum Teil anschaut, haben die Wähler/innen in vielen Gemeinden diametral anders auf Landes- und Gemeinderatsebene gewählt.

Christoph Hofinger: Ich denke auch, dass der landes- und lokalpolitische Aspekt überwogen hat. Die Wahlen 2004 waren stärker bundespolitisch geprägt, die derzeitige rot-schwarze Koalition ist weder im Positiven noch im Negativen ein großer Aufreger. Stimmensplitting zwischen Gemeinde und Land ist seit jeher üblich. Mein Eindruck ist allerdings auch, dass der Trend in diese Richtung noch stärker wird.

Nomade Nomade: Wie "angeschlagen" ist die jetztige Bundesregierung?

Christoph Hofinger: Nicht besonders. Der 1.3. war kein Erdbeben.

Römerqualle: Denken Sie, dass das BZÖ auch auf Bundesebene ohne Jörg Haider erfolgreich sein kann?

Christoph Hofinger: Kaum. In Zukunft wird das BZÖ dann in den Nationalrat kommen, wenn es in Kärnten weiterhin so stark bleibt. In allen acht anderen Bundesländern ist neben Blau für Orange kaum Platz.

Hagra: Hat die ÖVP noch Zukunft? In Kärnten eine Sekte und in Salzburg ein "Wahlsieg" trotz historischem Tief?

Christoph Hofinger: Jede Partei muss sich immer wieder neu erfinden, mittelmäßige Wahlergebnisse sind dafür ein guter Anlass. Aber dann hat eine Partei auch Zukunft.

Cherry_Marry: Wie haben die JungwählerInnen gewählt? Wieder starke Erfolge für FPÖ und BZÖ?

Christoph Hofinger: Ja, vor allem bei jungen Männern. Die haben in Salzburg zu 1/3 Blau/Orange gewählt, in Kärnten zu fast 60 %.

Andrea D: Haben eher junge oder ältere das BZÖ in Kärnten gewählt?

Christoph Hofinger: Bei den Männern eher die jüngeren, bei den Frauen am meisten die 30-60 jährigen. Bei Frauen unter 30 in Kärnten sind die Grünen sehr stark (13 %).

Cherry_Marry: Warum schafft es die SPÖ nicht so richtig, bei den jungen zu punkten? Hilft es nichts, dass Laura Rudas Bundes-GF ist?

Christoph Hofinger: Das Alter der Bundes-GF spielt in diesem Zusammenhang grundsätzlich keine Rolle. Wichtig ist bei jungen WählerInnen die adäquaten Botschaften zu transportieren, und das über die Kanäle die die jungen auch nutzen (z. B.: Web). Regierungsparteien tun sich allerdings generell schwer bei der Mobilisierung von Jüngeren.

Station Sloterdijk: Glauben Sie dass SPÖ-Chef Faymann nun Handlungsbedarf in den Ländern sieht?

Christoph Hofinger: Jedes Bundesland hat seine eigenen Herausforderungen, das lässt sich schwer generalisieren. Wie schon erwähnt könnte eine gemeinsame Linie der Länder und der Bundes-SP zur Frage: "Wie kommen wir durch die Krise?", Sinn machen.

David_Lunch: Gibt es bei den Akademikern Verschiebungen im Wahlverhalten?

Christoph Hofinger: Die AkademikerInnen sind eine relativ kleine Gruppe in der Bevölkerung. Deswegen werden sie nicht getrennt ausgewertet. Leider, wäre natürlich interessant.

ModeratorIn: Eine Userfrage per Email: In Salzburg sind 1.000 Wähler von den Grünen zur FPÖ gewandert. Wissen Sie über diese Wählergruppe und ihre Motivationen etwas? Das ist doch eine eigenartiger Schwenk?

Christoph Hofinger: Bei JungwählerInnen mit Protestmotiven gibt es diese Wanderungen zwischen Blau und Grün immer wieder. Ich würde diese Gruppe auch gern einmal genauer untersuchen. Wir wissen relativ wenig darüber.

nike samothrake: teilen sie meine auffassung, dass 2008 die grünen ihren höchsten prozentsatz erreicht haben und nie über, sagen wir 10 - 12%, hinauskommen werden?

Christoph Hofinger: Das weiß ich genauso wenig wie irgend jemand sonst auf der Welt. Ergebnisse von mehr als 12 % hatten die Grünen schon in vielen Umfragen. Mittelfristig sind auch 20 % denkbar, wenn die Grünen die ihnen weniger vertrauten Wählergruppen außerhalb der städtischen Bildungsschicht gezielt ansprechen.

ModeratorIn: Eine Userfrage per Email: Die Rechtsparteien gewinnen und gewinnen und gewinnen - was machen die anderen Parteien falsch? Oder machen sie gar nichts falsch, und der Trend ist nicht aufzuhalten?

Christoph Hofinger: Kein Trend ist unaufhaltsam. Außer die anderen Parteien geben innerlich auf. In vielen Belangen müssten die anderen Parteien ihre Gegenpositionen schärfen, z. B. in der Einwanderungs- und Integrationspolitik.

yoshi7: Ist ein CDU/CSU Modell für FPÖ/BZÖ vorstellbar?

Christoph Hofinger: Ja.

David_Lunch: Ist in Krisenzeiten das Potenzial für Protestwähler hoch oder eher niedrig?

Christoph Hofinger: Es steigt, möglicherweise deutlich. Aber es ist nur ein Potenzial - auch Regierende haben einen zumindes theoretischen Bonus in der Krise. Kreisky hat aus der Ölkrise heraus 1975 seine Position stärken können.

ModeratorIn: Eine Userfrage per Email: Bleibt Dörfler ihrer Ansicht nach jetzt Landeshauptmann?

Christoph Hofinger: Generell sind Personalentscheidungen schwer vorherzusagen. In Kärnten besonders schwer.

Roberta_blanka: Was muss die SPÖ in Kärnten tun, um wieder aufzuholen?

Christoph Hofinger: Die Organisation braucht mehr Einheit, auch zwischen den Ortschefs und der Landespartei.

kodar007: Gibt es Analysen wie die Österreicher mit Migrationshintergrund gewählt haben. Diese Gruppe ist sicher nicht unwesentlich (mindestens 300.000 in ganz Österreich)

Christoph Hofinger: Wäre interessant, aber für die beiden Wahlen gestern war die Gruppe zu klein für eine getrennte Auswertung. ZuwandererInnen der Bildungsschicht wählen häufiger Grün, sonst häufiger Rot, wissen wir aus anderen Umfragen.

ModeratorIn: Wir danken den UserInnen für das große Interesse und Christoph Hofinger fürs mitchatten - leider sind wir schon am Ende der Chatzeit angekommen. Danke fürs Dabeisein!

Christoph Hofinger: Vielen Dank für die spannenden Fragen. Es war mir ein großes Vergnügen!

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