Tote Männer, gute Männer

27. Februar 2009, 16:55
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Michael Stavarics neuer Roman über "Böse Spiele" und die letzten Tage der "Paarheit"

Ein Paar, ein Dreieck, ein Viereck: Nach zehn Seiten von Michael Stavarics Roman Böse Spiele ist die Konstellation klar. Eine Frau, ihr Ehemann Robert (die einzige Figur, die einen Namen trägt), eine zweite Frau, nur "die Andere" genannt - und der Erzähler.

Nun würde man von einem Erzähler erwarten, er berichte denn auch die Geschichte. Stavaric hat sich einen raffinierten Trick ausgedacht: Es reden die beiden Frauen, und der Erzähler spiegelt sich in deren Rede; der Erzähler wird erzählt, und dies durchwegs aus der weiblichen Optik. Was wir von ihm erfahren, entspricht der subjektiven Einschätzung der beiden Frauen, die von sich, ihrem Liebesleben, ihren Wünschen und ihrer Wut in verschiedenen Tonlagen berichten. Polemisiert wird auch, dem Erzähler und dem anderen Mann, Robert, ziehen die beiden Frauen auch mal die Hosen aus, triezen, entblößen, verführen ihn, je nachdem.

Stavaric kommt mit dem Minimum an Handlung aus, die dennoch Spannung erzeugt. Die verheiratete Frau will nämlich, dass ihr Liebhaber (der Erzähler) den Ehemann aus dem Weg räumt: Direkt fordert sie ihn auf, Robert umzubringen, damit der Weg frei ist für das neue Paarglück. Ein Liebesroman? Nur ein "böses Spiel" ? In Stavarics Buch herrscht Krieg: Gegen Ende stehen sich ein Männer- und ein Frauenheer zur letzten Schlacht gegenüber. Die Herrschaft über die Welt übernehmen die Hunde und Krähen. Männer und Frauen haben einander ausgerottet.

Hier geht es nicht mehr um Geschlechterkampf, hier geht es visionär um die letzten Tage der "Paarheit" . Die Krise des Geschlechterlebens wird bis zur letzten Konsequenz weitergedacht - projiziert in eine Gesellschaft ohne Regeln und in eine Welt ohne Gott. Dass es ihn nicht gebe, "die Frauen haben es beschlossen".

"Du bist Gott" , erklärt die Frau. "Du nimmst eine Axt und schlägst ihn (Robert) wund und dann bohrst du ihn an und nimmst einen Haken und dann schleifst du ihn zum Ufer und ziehst ihn durch schlammiges Wasser... und wenn er sich wehrt, packst du ihn am Hals und drückst fest zu, bis der Kehlkopf bricht."

Über Seiten hinweg erhält der Geliebte die detaillierteste Mordanleitung, wie er mit Robert zu verfahren habe. Diese Stellen gehören zum Besten in diesem vielschichtigen und facettenreichen Buch, so wie auch gegen Ende die Beschreibung der Schlacht zwischen den beiden Heeren.

Das will nun nicht heißen, es herrsche über 150 Seiten hinweg nur Mord und Totschlag. Das Leben der Frau mit Ehemann Robert wird in seinem ganzen Familienalltag abgebildet (da ist noch ein Kind), all die Ermüdungen und Abschleifungen des Zusammenseins, die Feste und Ausflüge, auch sie oft frustrierend und beklemmend, Schwangerschaften und Abtreibungen, der schnelle Fick im Stiegenhaus, Sticheleien und letzte Anwandlungen von Zärtlichkeit, kleine und große Eifersucht - es ist alles da, was das Paarleben manchmal beglückend, meist aber bedrückend macht.

Im Gegensatz zu früheren Männerbüchern über das Paarleben, oder zu solchen von älteren Autoren wie Philipp Roth, gibt es in der von Stavaric mehrfach gebrochenen Perspektive keine klare Rollenverteilungen, und der Mann (wie er sich in der Rede der Frauen darstellt) verfügt über erstaunliche Innenkenntnisse des Weiblichen. Vielleicht deshalb, weil er längst von den Frauen verschlungen wurde. Dass die Männer "nicht mehr Herren der Lage" seien, dass "die Männer und Frauen sich nur noch selten genügen" , wird gleich zu Anfang mitgeteilt. Das ist keine These, es wird als Tatbestand hingestellt.

Böse Spiele ist ein "Post-Gender-Buch" , das Geschlechtliche ist zwar noch da, doch es schwirrt ungebunden herum, ohne Konventionen und Regeln, die den Trieb orientieren und im Zaum halten könnten. Alle vier Protagonisten sind sich selbst entfremdet bis zum Pathologischen. Die sadistische Beschreibung der Männertötung (Robert) ist nur ein Beispiel dafür.

Und doch gibt es in diesem verzweifelten und grausamen Buch lyrische Töne, wunderbare poetische Beschreibungen, ja, anhand der "anderen Frau" breitet Stavaric sogar ein Landidyll aus, das an keiner Stelle kitschig wirkt. Diese zweite Figur, als Landfrau ein Kontrast zur urbanen ersten Frau, wird allerdings deutlich schwächer gezeichnet und bleibt vage. Das Erstaunliche ist jedoch die Form: Indem es die Frauen sind, die erzählen (der Roman ist im Grunde ein Monolog der beiden Geliebten), kann Stavaric ihre Position nicht nur darstellen, er kann sie stellenweise auch karikieren: "Dass sie (die Frauen) Kinder gebaren, die sie nicht wollten, dass sie ein Leben fristeten, das ihnen weder Freiheit noch Gleichheit bot... dass sie so weit gingen zu behaupten, nur ein toter Mann sei ein guter Mann." Rabiater Feminismus wird hier so lange fortgedacht, bis seine Spitze gebrochen ist.

Bisweilen kann dieser auf den Mann projizierte innere Monolog der Frauen auch etwas ermüdend wirken, weil er den Autor zu langen Sequenzen indirekter Rede zwingt und sich die Dass-Sätze über Absätze und Seiten hinwegziehen. Stavaric geht mit diesem Stilmittel etwas zu verschwenderisch um. Gegen Mitte des Romans bricht der Spannungsbogen, der dann aber gegen Ende neu gestrafft wird. Die Beschreibung der Paarapokalypse, des Armaggedons von Weib und Mann, der großen finalen Schlacht, man denkt schaudernd das Wort: der totale Krieg zwischen den Geschlechtern wird großartig und pathetisch (im besten Sinn) wie ein antikes Schlachtgemälde ausgebreitet.

Bis letztlich... Ja, bis "niemand mehr Kinder zeugte und die meisten Menschen starben, einige wenige alt wurden und bis zuletzt einsam blieben und die Tiere schließlich das Land unter sich aufteilten" . Ein böses Spiel? Nein, bitterer, tödlicher Ernst. (Dante Andrea Franzetti, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 28.02/01.03.2008)

Michael Stavaric, "Böse Spiele" . € 17,40 / 155 Seiten. C. H. Beck, München 2009

  • Böses Spiel? Nein, bitterer Ernst: Michael Stavaric
    foto: heribert corn

    Böses Spiel? Nein, bitterer Ernst: Michael Stavaric

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