Bosheit in Fahrstuhl und Straßenbahn

27. Februar 2009, 16:47
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Plädoyer für das Himmelbett

Kürzlich wollte ich mit einem Fahrstuhl in den vierten Stock eines Ministeriums fahren. Sieben weitere Menschen (Ministerialbeamte?) warteten gerade gemeinsam mit mir darauf, dass sich die Fahrstuhltür schließen würde, als wir plötzlich aus dem Fahrstuhlinneren einen auf den Fahrstuhl zustrebenden Herren erblickten, der nur leider das Pech hatte, dass die Fahrstuhltüre abrupt vor ihm zuklappte, noch ehe er einen Fuß ins Fahrstuhlinnere setzen konnte. "Des issi nimma ausgangen" , kommentierte ein Herr im Fahrstuhlinnern ungerührt, was sogleich eine Kaskade hämischer Hehehes und Hihihis unter den Fahrstuhlgästen auslöste. Als ich ein paar Stockwerke weiter oben den Aufzug verließ, war die Heiterkeit noch nicht abgeklungen.

Thomas Bernhard hätte diese Szene vielleicht als Manifestation einer typisch österreichischen Ministeriumsbosheit interpretiert. Das wäre, wie so oft bei Bernhard, eine Übertreibung gewesen. Naturgemäß handelte es sich nicht um eine typische Ministeriumsbosheit, sondern um eine Alltagsbosheit, die genauso in einer Provinzbehörde oder einem Privatbetrieb hätte passieren können. Die Bosheit ist dabei nicht der schadenfrohe Impuls - der stellt sich ungewollt ein, und offenbar hat es für viele Menschen etwas Erheiterndes, wenn sich andere die Zehen anhauen oder in Hundescheiße treten -, die Bosheit liegt vielmehr in der Bereitschaft, sich widerstandslos seinen niedrigen Instinkten hinzugeben. Für mich der prototypische Bosnigl: Jene - zum Glück nur gelegentlich anzutreffende - Figur, die schmutzig aus der Straßenbahn herausgrinst, wenn sie mitbekommt, dass ein anderer die Straßenbahn ums Haar verpasst hat. Schließlich kann man sich ja im Vollgenuss des Bewusstseins suhlen, dass man selbst erfolgreich ins Wageninnere vorgedrungen ist, während sich der Trottel da draußen jetzt nochmals fünf Minuten lang die Füße im Schneematsch abfrieren muss. Was wären die großen Erfolge ohne die kleinen!

Bedenklich stimmt mich, dass sich zur Alltagsbosheit jetzt auch noch großflächig der Krisengrant dazugesellen könnte. Dem gilt es entgegenzusteuern. Eine Möglichkeit: systematisch darauf hintrainieren, das Wort "Krise" , wo immer man es sieht, sofort innerlich durch ein schöneres Wort zu ersetzen: Freibier, Himmelbett, Liebesrausch, Lottogewinn, Schlagobers, Schmusekurs, was immer. Himmelbettkolumne: Klingt das nicht gleich doppelt so romantisch wie "Krisenkolumne"? (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 28.02/01.03.2008)

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