US-Wirtschaft in tiefster Rezession seit 1982

27. Februar 2009, 22:40
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Neue Mega-Verluste aus der Banken- und Finanzwelt schicken die Börsen auf Talfahrt

Wien - Die Finanzwelt wurde am Freitag erneut von einer Welle negativer Berichte erschüttert. Allen voran haben die US-Konjunkturzahlen enttäuscht.

Konjunktur am Boden

Die weltgrößte Volkswirtschaft steckt tiefer in der Rezession als bisher angenommen. Massive Einbrüche bei Exporten, Konsum und Investitionen haben die US-Wirtschaft in die schwerste Krise seit 26 Jahren gestürzt. Das Bruttoinlandsprodukt sank von Oktober bis Dezember mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 6,2 Prozent. Das ist der kräftigste Rückgang seit Anfang 1982. Das zunächst ermittelte Minus von 3,8 Prozent wurde deutlich korrigiert, Analysten hatten ein Minus von 5,4 Prozent erwartet.

Citigroup unter Staatskontrolle

Die einst weltgrößte Bank Citigroup wird künftig von der US-Regierung kontrolliert. Das US-Finanzministerium kündigte an, bis zu 25 Mrd. Dollar Vorzugsaktien in Stammaktien umzuwandeln - dadurch erhöhe sich die Beteiligung auf bis zu 40 Prozent. Durch mehrere Rettungsaktionen im Vorjahr (die Bank weist für 2008 einen Verlust von 18,7 Mrd. Dollar aus) hält die Regierung bereits acht Prozent. Bedingung für die Transaktion sei neben einer Neubesetzung des Aufsichtsrats, dass sich auch private Investoren zu einer Beteiligung bereit finden, heißt es (siehe auch Artikel).

Fannie Mae mit Riesenverlust

Der bereits unter staatlicher Kontrolle stehende US-Hypothekenfinanzierer Fannie Mae hat im Vorjahr einen Verlust 58,7 Mrd. Dollar (46 Mrd. Euro) erlitten. Die Krise an den Haus- und Kreditmärkten könnte 2009 noch schlimmer werden, warnte Fannie Mae, der sich vom Staat 15,2 Mrd. Dollar frisches Geld holen will. Gemeinsam mit Freddie Mac steht der Hypothekenfinanzierer hinter jedem zweiten Immokredit in den USA (siehe Artikel).

AIG sucht Käufer

In Erwartung des höchsten Quartalsverlustes der US-Wirtschaftsgeschichte versucht der Versicherungskonzern AIG derzeit Teile seines Geschäftes zu verscherbeln, um an frisches Kapital zu gelangen. Doch die Teile der maroden AIG finden offenbar wenig Interessenten. Am Markt rechnen Investoren bereits mit einer Pleite von AIG. Die Credit Default Swaps (CDS) auf den Versicherer sind in den vergangenen Tagen auf über 2000 Basispunkte für ein Jahr gestiegen. CDS messen die Versicherungskosten gegen den Ausfall eines Schuldners. Implizit rechnen Börsianer damit mit einer Chance von 28 Prozent, dass AIG in den nächsten zwölf Monaten Pleite macht. Der US-Staat will aber einspringen, falls sich keine privaten Investoren für AIG erwärme.

Rote Liste

Das Risiko neuer Bankenpleiten verschärft sich in den USA dramatisch. Die Zahl gefährdeter Institute auf der "roten Liste" der US-Einlagensicherung verdreifachte sich zum Jahresende im Vergleich zu 2007 auf 252 Banken. Heuer sind bereits 14 meist kleinere Geschäftsbanken zusammen gebrochen, 2008 traf es 25 Institute.

Milliardenboni

Die Affäre um Milliarden-Boni der übernommenen Investmentbank Merrill Lynch wird zum Machtkampf zwischen dem neuem Mutterkonzern Bank of America (BoA) und der US-Justiz. Der Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo hat die BoA unter Strafandrohung zur Herausgabe einer Liste mit Namen von Prämien-Empfänger aufgefordert. BoA-Chef Kenneth Lewis weigerte sich bei einer Befragung jedoch, die Namen zu nennen. Trotz enormer Verluste hatte Merrill 2008 kurz vor Abschluss ihrer Übernahme Boni von insgesamt 3,6 Mrd. Dollar gezahlt. Allein 700 Beschäftigte bekamen jeweils mehr als einer Mio. Dollar.

Lloyds will Staatshilfe

Die britische Bankengruppe Lloyds weist wegen ihres Baufinanzierers HBOS für 2008 einen Verlust von 10,1 Mrd. Pfund (11,3 Mrd. Euro) aus und verhandelt über weitere Staatshilfe. 2007 gab es noch einen Gewinn von 9,4 Mrd. Pfund (siehe Artikel).

Börsen im Tief

An den Börsen haben diese Nachrichten einmal mehr für eine Talfahrt gesorgt. Einzeltitel sind zum Teil dramatisch eingebrochen - Citigroup hat zeitweise mehr als 40 Prozent verloren. Lloyds hat zeitweise mehr als 20 Prozent eingebüßt.

Der Dow Jones Industrial Index fiel 119,15 Punkte oder 1,66 Prozent auf 7.062,93 Einheiten. Der S&P-500 Index gab 17,74 Punkte (minus 2,36 Prozent) auf 735,09 Zähler ab und rutschte damit auf das tiefste Niveau seit Dezember 1996. Der Nasdaq Composite Index verringerte sich um 13,63 Einheiten oder 0,98 Prozent auf 1.377,84 Zähler.(Details siehe Marktberichte).

In Europa schloss der Dax um 2,51 Prozent schwächer. Der EuroStoxx50 verlor 2,22 Prozent, der niedrigste Stand seit zwölf Jahren. In London gabe der FTSE 2,18 Prozent ab. Finanzwerte waren nach teils massiven Vortagesgewinnen unter den größten Verlierern.

Der ATX rutschte 1,04 Prozent ab. Einzelwerte haben stark verloren: Vienna Insurance Group verlor 8,56 Prozent, Wienerberger rutschten 7,46 Prozent ab und Andritz verloren 5,50 Prozent. Erste Group fielen nach einem schwächeren Vorjahrsergebnis und der Einigung auf Staatshilfe um 1,03 Prozent. Raiffeisen International konnte hingegen 2,53 Prozent zulegen. (red/DER STANDARD Printausgabe, 28. Februar/1. März 2009)

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