"Eine Psychose ist offenbar eine tolle Sache"

1. März 2009, 18:21
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Schizophrenie ist immer noch ein gesellschaftliches Tabu. Psychiater Fleischhacker im Gespräch mit Elfriede Faulhammer

Leben mit Schizophrenie? Der Psychiater Wolfgang Fleischhacker und Elfriede Faulhammer, Leiterin der Selbsthilfegruppe für Angehörige, diskutierten über Krankheit, Alltag und Krisen. Das Gespräch führte Verena Langegger.

Standard: Jeder Hundertste erkrankt in Österreich an Schizophrenie. Woran erkennt man einen Schizophrenen?

Fleischhacker: Jeder von uns hat mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einen Schizophrenie-Kranken im Bekanntenkreis. Diese Menschen sind in irgendeinem Aspekt des täglichen Lebens irgendwie "strange" - und haben unter Umständen bizarre Ansichten. Manche glauben zum Beispiel, dass UFOs landen werden.

Faulhammer: Mein Sohn leidet seit 1985 an Schizophrenie. Er sucht ständig einen Schlüssel. Ich frage ihn dann, welchen Schlüssel, kann ihm aber natürlich nicht helfen. Der Schlüssel sei die Lösung, meint er. Wozu? Keine Ahnung.

Standard: Leben Schizophrenie-Patienten in geschlossenen Anstalten?

Faulhammer: Nein, mehr als 50 Prozent der Patienten werden im häuslichen Bereich gepflegt - meist von den Eltern bis zur Selbstaufgabe. Meine kranken Söhne leben in eigenen Wohnungen. Ab und zu haben sie psychotische Schübe.

Fleischhacker: Schizophrenie-Patienten müssen unbedingt integriert werden. Je früher die Krankheit erkannt wird, desto größer ist die Chance auf Heilung oder zumindest optimale medikamentöse Einstellung. 15 Prozent der Patienten werden einmal krank und dann nie wieder.

Faulhammer: Leider sind genau die Medikamente wegen der Nebenwirkungen oft auch das Problem. Patienten nehmen sie nicht.

Fleischhacker: Nicht jeder Patient reagiert mit Nebenwirkungen. Manche leiden aber sehr stark: Die Nebenwirkungen sind wie ein "leichter Parkinson". Die Patienten sind dann motorisch steif, zit- trig und bewegungseingeschränkt. Problematisch ist auch die Gewichtszunahme.

Faulhammer: Viele Medikamente machen auch müde und gedämpft.

Standard: Fehlt Schizophrenie- Patienten die Einsicht, dass Medikamente ihnen helfen?

Faulhammer: Nein. So eine Psychose wird von den Betroffenen offenbar auch oft als eine tolle Sache erlebt. Manche sehen Farben ganz intensiv, leben sehr intensiv in einer anderen Welt. Ein Patient hat mir einmal erzählt, er habe während eines Schubes immer das Gefühl zu wachsen, größer zu werden.

Fleischhacker: Ein Großteil der Patienten nimmt aber die Medikamente. Manche erholen sich von ihren Schüben und müssen dann keine Medikamente mehr nehmen. Das sind 20 bis 25 Prozent. Vor allem die Gewichtszunahme ist ein Problem für die Patienten. Sie fühlen sich unansehnlich.

Standard: Oft heißt es, dass Psychosen durch Kunsttherapie kanalisiert werden können. Stimmt das?

Fleischhacker: Dieses Klischee von Genie und Wahnsinn stimmt eigentlich nicht. Meistens werden die Patienten durch ihre Psychosen auch arbeitsunfähig. Dann malen sie auch nicht. Eine Kunsttherapie kann lediglich helfen, den Alltag eines Patienten zu strukturieren.

Faulhammer: Ich kenne aber auch Schizophrenie-Patienten, die nur während ihrer Schübe malen. Jeder ist unterschiedlich.

Standard: Können Schizophrenie-Patienten denn einer alltäglichen Arbeit nachgehen?

Fleischhacker: Es geht vor allem darum, für Betroffene eine sinnvolle Beschäftigung zu finden. Das ist schwierig, es gibt wenige "geschützte Arbeitsplätze", wo man "etwas werden kann". Manchmal ist ein "Job-Coaching" möglich: Patienten werden im Job gecoacht, trotz ihrer Restsymptome.

Standard: Wie beeinträchtigen Restsymptome die Arbeit?

Fleischhacker: Jemand hört während der Arbeit Stimmen.

Faulhammer: Worum es aber ganz besonders geht, ist die soziale Einbindung von Schizophrenie-Kranken. Es darf nicht sein, dass die "geschlossene Anstalt" nach draußen verlagert wird und Patienten vereinsamen.

Fleischhacker: Fast jeder Mensch hat in seinem Umfeld jemanden, der an Schizophrenie erkrankt ist, laut der Österreichischen Gesellschaft für Schizophrenie sind 80.000 Österreicher betroffen. In manchen Jobs fallen sie nicht auf. Nehmen Sie einen Nachtportier, er hat kaum soziale Kontakte.

Standard: Gibt es genügend medizinische Betreuung für Schizophrenie-Patienten?

Faulhammer: In der Stadt gibt es diese Betreuung, aber auf dem Land schaut es ganz anders aus. Es gibt keine Psychiater, keine Sozialarbeiter, keine Arbeitstrainings, keine Therapien. Ein ambulanter Dienst für Notfälle existiert in Tirol nicht, der ist in Wien, im 8. Bezirk. Auch das Problem mit den Schwerkranken ist in Tirol nicht gelöst. Es gibt keine betreuten Wohngemeinschaften.

Fleischhacker: Viele Obdachlose sind schizophren. Das Problem ist aus den USA bekannt: Dort leben Schizophrenie-Kranke oft auf der Straße.

Standard: Wie könnte die Situation verbessert werden?

Faulhammer: Die geschlossenen Abteilungen müssten geöffnet werden. Und das Unterbringungsgesetz, das ja stets mit Besachwaltung einhergeht, müsste reformiert werden.

Fleischhacker: Auch wir Psychiater sind mit dem Unterbringungsgesetz nicht zufrieden. Es ist eine Gratwanderung zwischen persönlicher Freiheit und Schutz.

Faulhammer: Schizophrenie ist einer der letzten Bereiche der Medizin, über die nicht offen gesprochen wird.

Fleischhacker: Schizophrenie gilt immer noch als Stigma - als eine rätselhafte Krankheit. Was wir uns nicht vorstellen können, macht Angst. Und alles, was mit der Persönlichkeit von Menschen zu tun hat, macht noch einmal Angst. Dann heißt es: Schizophrenie-Kranke denken anders. Und damit können viele Menschen nicht umgehen. Die psychiat- rischen Abteilungen sind seit der Nazi-Zeit in Verruf. Die Leute glauben immer noch, es werden alle weggesperrt und niedergespritzt.

Faulhammer: Wir fordern einen Krisendienst, der im Falle eines Schubes bei einem Patienten einen Psychiater schickt. Heute wird meist gewartet, bis etwas passiert. Dann kommt die Polizei. (DER STANDARD Printausgabe, 02.03.2009)

der Standard Webtipp:

www.hpe.at

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    "Manche sehen Farben ganz intensiv, leben sehr intensiv in einer anderen Welt"

  • Wolfgang Fischer (55) ist seit 2008 Direktor des Departments für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität in Innsbruck. Sein Forschungsschwerpunkt ist Schizophrenie. Er ist Mitglied des Beirats für Psychische Gesundheit im Gesundheitsministerium.
Elfriede Faulhammer (65) gründete vor 13 Jahren die Selbsthilfegruppe HPE (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter) in Innsbruck. Mittlerweile gibt es Selbsthilfegruppen in ganz Tirol. Faulhammer ist als Angehörige betroffen: Ihre beiden Söhne erkrankten in den achtziger Jahren an Schizophrenie.
 
    foto: standard/christian fischer

    Wolfgang Fischer (55) ist seit 2008 Direktor des Departments für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität in Innsbruck. Sein Forschungsschwerpunkt ist Schizophrenie. Er ist Mitglied des Beirats für Psychische Gesundheit im Gesundheitsministerium.

    Elfriede Faulhammer (65) gründete vor 13 Jahren die Selbsthilfegruppe HPE (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter) in Innsbruck. Mittlerweile gibt es Selbsthilfegruppen in ganz Tirol. Faulhammer ist als Angehörige betroffen: Ihre beiden Söhne erkrankten in den achtziger Jahren an Schizophrenie.

     

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