Ehemalige ORF-Chefs beklagen politische Vereinnahmung des ORF

27. Februar 2009, 13:22
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Podgorski: "Politiker haben keine Ahnung von Medien" - Bacher: "Parteipolitik, Allein­ge­schäftsführer und Betriebsrat" sind Hauptschuldige - Lindner: Köpfe-Auswechseln keine Lösung

Fast alle früheren ORF-Generalintendanten und -direktoren beklagen die politische Vereinnahmung des ORF. Dies ergab ein Rundruf der APA unter den ehemaligen ORF-Chefs. "Unsere führenden Politiker haben absolut keine Ahnung von Medien und Medienpolitik", stellte etwa Thaddäus (Teddy) Podgorski fest, der von 1986 bis 1990 ORF-Generalintendant war. "Man kann der größte Zampano sein, aber wenn man einer solchen Gruppe von Laien ausgeliefert ist, kann das nicht funktionieren", zeigt Podgorski Verständnis für die Situation der aktuellen ORF-Führung.

Verschärfend zur politischen Vereinnahmung des ORF komme "das finanzielle Desaster" hinzu. "Zu meiner Zeit war der ORF gesund. Da hat man sich mit politischen Begehrlichkeiten irgendwie herumgeschlagen, hatte aber einen gefestigten Rücken, weil das Unternehmen solide war. Wenn man heute dem Good-Will der Regierungsparteien ausgesetzt ist, die auch noch eine gemeinsame Marschrichtung verfolgen, dann ist man eigentlich ein Leibeigener." Das sei "eine schlimme Situation für jeden, der im ORF arbeitet", so Podgorski.

Gerhard Weis, er war von 1998 bis 2001 ORF-Generalintendant, hat das Gefühl, dass das politische Mobbing zu seiner Zeit "noch wesentlich ärger war, als jetzt". Weis' Funktionsperiode, die eigentlich auf vier Jahre angelegt war, wurde im Zuge der ORF-Reform der Schwarz-Blauen Regierung unter Wolfgang Schüssel verkürzt und Weis selbst vorzeitig durch Monika Lindner abgelöst. Auch heute sei die Situation im ORF nicht nur ökonomisch sondern auch politisch "extrem schwierig", erklärte Weis. Die Rahmenbedingungen, unter denen die ORF-Führung zu arbeiten hat, "sind weiß Gott nicht gut". Freilich könne man die Geschäftsführung "nicht ganz frei sprechen", allerdings trage sie auch nicht die Hauptschuld an der Misere. "Man hat schon immer versucht, das zu personalisieren, wiewohl die Ursache einer Misere immer tiefer liegt und nur selten an den Personen."

Wer Schuld an der gegenwärtigen ORF-Situation hat, weiß hingegen Gerd Bacher, der zwischen 1967 und 1994 gleich mehrmals zum ORF-Chef gewählt wurde: "Die Hauptschuldigen sind die Parteipolitik, der Alleingeschäftsführer und der Betriebsrat", sagte der "Tiger". Die Umklammerung der Politik habe mit der "Gegenreform von Bruno Kreisky" im Jahr 1974 Einzug gehalten - "in den ersten Jahren nach der Neugründung des ORF (1967 Anm.) haben die Politiker aus den Zeitungen erfahren, wer Chefredakteur und wer Hauptabteilungsleiter wird. Das hat sich gründlich zum Schlechteren des ORF geändert."

Monika Lindner, von 2002 bis 2006 ORF-Generaldirektorin, glaubt nicht, dass eine Ablöse der Geschäftsführung der Weisheit letzter Schluss ist: "Ausschließlich mit dem Auswechseln von Köpfen ist nichts getan." Der ORF brauche eine neue Struktur, und da sei der Gesetzgeber aufgerufen, "helfend einzuschreiten und zwar gemeinsam mit den Personen, die vom Unternehmen und vom Medium etwas verstehen". Allerdings warnte Lindner, dass bei einer Neuaufstellung des ORF "kein Schnellschuss passieren" darf, "denn dann ist die Gefahr, dass man daneben schießt, sehr groß".

Grundsätzlich findet Lindner, dass das Image des ORF in der Öffentlichkeit nicht so schlecht ist, wie medial dargestellt. Natürlich gibt es einiges, das das Publikum nicht akzeptiert, dazu komme, dass "die Probleme des ORF von den Printmedien zusätzlich in der Berichterstattung aufgeheizt werden". Ob der politische Druck derzeit größer ist, als zu anderen Zeiten, kann und will Lindner "als Außenstehende" nicht beurteilen. "Ich selbst habe den Druck - abgesehen von der Zeit der gescheiterten Wiederwahl - nie so empfunden."

Otto Oberhammer, der dem Unternehmen von 1974 bis 1978 vorstand, wollte sich auf APA-Anfrage zuerst eigentlich "nicht als ungebetener ORF-Kommentator" betätigen, meinte aber: "Es ist offenkundig, dass die ökonomische Lage des ORF prekär ist und dass Teile davon durch die allgemeine Wirtschaftskrise beeinflusst sind." Zu den Schwierigkeiten mit dem politischen Umfeld betonte er, dass "es ein Kinderspiel ist, im Vergleich zu dem, was wir damals erlebt haben".

Der einzige ehemalige Generalintendant, der sich zur Situation des ORF nicht äußern wollte, ist Gerhard Zeiler. Er wurde zuletzt immer wieder als potenzieller Nachfolger von Alexander Wrabetz ins Spiel gebracht. Zeilers Statement zum ORF: "Kein Kommentar." (APA)

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