Nass, kalt, klamm, stürmisch: Ungarn

27. Februar 2009, 16:46
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Das Wetter meint es nicht besonders gut mit Markus Zohner. Der Autor beißt letzten Endes die notdürftig reparierten Zähne zusammen

Bei strömendem Regen überquerte ich die Grenze zu Ungarn. Die ersten Kilometer war ich gezwungen, auf der Bundesstraße 86 zu gehen, einer wichtigen Nord-Süd-Achse für den Schwerverkehr. Riesige Pfützen bildeten sich auf der Straße, und jeder Lastwagen schleuderte baumhohe Fontänen in den Straßengraben.

Das Wort "Wassersäule" bekam eine ganz neue, sehr konkrete Bedeutung, unter der das gesamte Werbegebilde der Outdoor-Industrie jämmerlich zusammenbrach. Schon nach ein paar Kilometern war ich Klatschnass bis auf die Haut. "Wasserdichte" Goretex-Schuhe, "atmungsaktives" technisches Regenzeug und der "Testsieger im Hardshell-Vergleich" hatten das Handtuch geworfen, noch bevor der Tag wirklich begonnen hatte.

Nach einer knappen Stunde konnte ich dann auf Feldwege und unbefahrene Landstraßen ausweichen und versuchen, durch kraftvolles Ausschreiten genügend Hitze zu entwickeln, um das ganze Wasser wenigstens auf Körpertemperatur zu bringen. Dampfend kam ich abends in meinem ersten Quartier in Ungarn an. Die mitleidigen Blicke der Wirtin waren nur zu berechtigt und als ich nach einer langen heißen Dusche zum Essen herunter kam, schob sie mir als erstes wortlos ein großes Glas UNICUM herüber. So sollte meine Zeit in Ungarn werden: Nass, kalt, klamm, stürmisch, die Menschen wortlos aber freundlich. Die älteren sprachen noch deutsch: "Wo bitte geht es in Richtung Szombathely?" "Diese Straße, immer gerade raus."

Die Dörfer liegen weiter auseinander als in Slowenien, und es gibt kaum Gaststätten - wenn, dann waren sie geschlossen oder schenkten nur Branntwein an Männer mit riesigen Köpfen aus. Meist musste meine Notschokolade herhalten, als Brücke bis zum Abend. Erstaunlich sind die vielen Brunnen in den Dörfern, jedes Haus hat einen, selbst die neuen. Ob es hier kein Wasser in Rohren gab, vermochte ich nicht zweifelsfrei zu klären. Sie müssen sehr romantisch sein, im Sommer und im Herbst, diese Dörfer, wenn alles grün ist, die Obstbäume Früchte tragen und die Menschen Gärten und Straßen beleben. Jetzt waren sie trostlos. Kalt, nass, kahl und menschenleer.

Szombathely habe ich dann in strömendem Regen erreicht, der mit Hilfe seines besten Freundes, des Sturms, mühelos unter meinen neuen, wasserdichten Poncho gedrungen war.

Im Herzen von Pannonien gelegen, war Szombathely ein weiterer wichtiger Knotenpunkt der Bernsteinstraße. Schon früh von den Kelten besiedelt, wurden hier durch Kaiser Claudius die abgemusterten Soldaten der Legion XV Apollinaris angesiedelt. Der Kaiser ließ eine Stadt gründen und sie nach dem hiesigen Bach "Savaria Claudia Colonia Savariensium" benennen. Bald blühte die Stadt auf und wurde zum zivilen Zentrum der Provinz Pannonien. Die Tatsache, dass die Bernsteinstraße, die den Norden mit der mediterranen Welt verband, hier vorbeiführte, beschleunigte die Entwicklung der Stadt erheblich.

Kurze Pause. Museum, Kirchen, Bernsteinstraße. Und Zahnarzt. Ich hatte alle Zähne vor meiner Abreise in der Schweiz kontrollieren lassen - aber der kleine Schatten auf dem Röntgenbild, der von einer Kunststofffüllung herrührte, hatte sich als unterirdische Karieshöhle entpuppt. Reißen? Wurzelbehandlung? Frau Dr. Zsofia Major schüttelte immer wieder den Kopf und tat ihr Bestes, den Zahn so zu präparieren, dass er wenigstens bis zum Abschluss meiner Reise halten mochte. "Wir können nur hoffen!" meinte sie, und ihr Lächeln, das zum Vorschein kam, als sie Ihren Mundschutz abnahm, gab mir das verlorene Vertrauen in die Zahnärzte für einen Moment zurück. Die ganze grenznahe Gegend hier lebt auch vom Zahnarzttourismus. Behandlungen sind gut und um ein gutes Drittel billiger als in der Schweiz, in Österreich oder Deutschland, sodass Patienten aus dem Westen zahlreich hier herkommen. Ein Gebiss zum Herausnehmen ist hier für unter 500 Euro zu haben. Ich werde es mir merken.

Noch zwei Tagesmärsche waren es von hier bis zur österreichischen Grenze. Der Wind fegte mit 80 km/h durch die Gegend, aber dass er auch mal die Richtung um 180 Grad wechseln und schieben konnte, kam ihm nie in den Sinn. Ich war gerade dabei, mich -  den guten Tipp eines österreichischen Einwohners Ungarns befolgend, der zuerst meine Schrittlänge bewundert und mir dann eine Abkürzung nach Csepreg empfohlen hatte - bei Einbruch der Dunkelheit im Wald zu verlaufen, als mein Telefon vibrierte mit der Nachricht: "Wir erwarten Sie morgen um 15 Uhr im Hotel Sonnentor in Lutzmannsburg. Gez. RR". (Markus Zohner)

  • Das pfeift!
    foto: zohner

    Das pfeift!

  • Die Bernsteinstraße bei näherer Betrachtung.
    foto: zohner

    Die Bernsteinstraße bei näherer Betrachtung.

  • Pannonien auf der Karte - wenigstens ohne Regen und Sturm.
    foto: zohner

    Pannonien auf der Karte - wenigstens ohne Regen und Sturm.

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