Nach Meuterei: Weitere Tote gefunden

1. März 2009, 12:36
21 Postings

Massenfahndung nach Drahtziehern - Aufständische sollen vor Sondergericht

Dhaka - Nach dem Ende des blutigen Aufstands von Grenzsoldaten in Bangladesch sind am Wochenende in der Hauptstadt Dhaka erneut zahlreiche verstümmelte Leichen von Offizieren entdeckt worden. Die Zahl der geborgenen Opfer stieg damit auf fast 80, rund 70 ranghohe Armee-Angehörige wurden weiter vermisst, wie die Rettungskräfte am Sonntag mitteilten. Nach über tausend mutmaßlichen Meuterern wurde gefahndet. Die an der blutigen Erhebung Beteiligten aus den Reihen der paramilitärischen Bangladesch Rifles (BDR) sollen sich vor einem Sondertribunal verantworten.

Soldaten und Feuerwehrleute entdeckten am Samstag ein weiteres Massengrab auf dem Kasernengelände der BDR in der Hauptstadt und bargen dort zehn Tote, wie der Chef der Rettungskräfte, Sheikh Mohammed Shahjalal, sagte. Insgesamt wurden damit seit Ende des Aufstandes am Donnerstag 77 meist durch Schusswunden entstellte und mit Bajonetten verstümmelte Tote gefunden. Die meisten Opfer lagen in Massengräbern, verborgen unter Blättern und Erde. Auch der BDR-Chef und seine Frau waren unter den Toten.

Rettungshelfer und Sicherheitskräfte pflügten am Sonntag die Rosengärten auf dem Kasernengelände um. Verzweifelte Angehörige von Vermissten sahen zu, zudem wurden die Grabungen live im Fernsehen übertragen. "Wir werden alle Winkel jedes Hauses absuchen und jeden Garten umgraben", versicherte Shahjalal: "Die Suche geht weiter, bis der letzte vermisste Offizier gefunden ist." Es sei "jenseits aller Vorstellung, dass ein Mensch einem anderen so etwas antun kann". Die Helfer müssten bei der Bergung "extrem vorsichtig" sein, weil die Körper schon verwesten. Am Freitag hatten die Bergungshelfer mehr als 60 Tote in einem Massengrab und in Abflussrohren und Schächten entdeckt.

Die genauen Motive für Aufstand sind weiter unklar. Offenbar hatten Mitglieder der Bangladesh Rifles ihn aus Wut über geringen Sold, schlechte Arbeitsbedingungen und eine Benachteiligung gegenüber den regulären Streitkräften angezettelt. Hunderte von ihnen nahmen im BDR-Hauptquartier Vorgesetzte gefangen und verschanzten sich nach heftigen Gefechten mit der regulären Armee auf dem Gelände. Später breitete sich die Meuterei auf andere Landesteile aus. 250 Soldaten sind bereits in Haft.

Regierungschefin Sheikh Hasina Wajed hatte den Soldaten zu Beginn des Aufstands am Mittwoch zunächst eine Amnestie versprochen, wenn sie ihre Revolte beendeten. Die Soldaten legten ihre Waffen am Donnerstag nieder, nachdem die Ministerpräsidentin mit Gewalt gedroht hatte. Der Vizekommandant der Armee, Generalleutnant M.A. Mubin, kündigte am Samstag harte Strafen für die Verantwortlichen an.

Um beschleunigte Verfahren für ein Sondergericht zu ermöglichen, soll notfalls eigens ein neues Gesetz geschaffen werden, teilte die Regierung mit. Das zuständige Ministerium sei mit einer entsprechenden Gesetzesvorlage beauftragt worden, die im Parlament verabschiedet werden soll. Die Regierung in Dhaka habe Beweise, dass Außenstehende an dem Massaker beteiligt gewesen sind, hieß es weiter. Die ermordeten Offiziere seien Märtyrer gewesen. Ihre Hinterbliebenen sollen entschädigt werden.

Am Sonntag reihten sich Hunderte BDR-Soldaten in Warteschlangen vor der Kaserne ein. Den 70.000 Soldaten war eine Frist zum Dienstantritt gesetzt worden. Vor Journalisten sagten sie, sie hätten nichts mit der Meuterei zu tun, sondern seien zu Beginn des Aufstands geflohen.

Das Krisenmanagement der Regierung wurde von Beobachtern als Feuerprobe für Sheikh Hasina gewertet, die ihr Amt erst zu Jahresbeginn angetreten hatte. Die Regierung könne es sich nicht mehr leisten, die Gründe für die schwelende Unzufriedenheit im Land - vor allem Armut und Korruption - zu ignorieren. Bangladesch ist eines der ärmsten Länder der Welt und hat seit der Unabhängigkeit von Pakistan 1971 mehrere Revolten und Umstürze mitgemacht. In den vergangenen beiden Jahren explodierten zudem die Lebenshaltungskosten. (APA/AFP/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Soldaten suchen nach Vermissten.

Share if you care.