Williamson: Nur "Meinung eines Nicht-Historikers" geäußert

26. Februar 2009, 21:52
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Umstrittener Bischof bat um Vergebung

London/Rom- Der umstrittene traditionalistische Bischof Richard Williamson von der Priesterbruderschaft St. Pius X. hat seine Aussagen zum Holocaust, die weltweit große Empörung hervorgerufen hatten, in einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung badauert. "Ich bitte alle, die sich aufgrund meiner Worte aufrichtig entrüstet haben, vor Gott um Vergebung", hieß es in dem von der katholischen Nachrichtenagentur "Zenit" in Rom verbreiteten Text, wie die Internet-Plattform kath.net meldete. Der 68-jährige Brite, der am Vortag aus Argentinien kommend in London eingetroffen war, hatte die Behauptung aufgestellt, dass in nazideutschen Vernichtungslagern nicht sechs Millionen Juden umgebracht worden seien, sondern maximal 300.000 und kein einziger von ihnen in Gaskammern. Vom Vatikan aufgefordert, seine Äußerungen zu widerrufen, hatte Williamson zunächst lediglich zugesagt, die historischen Beweise für die Shoah zu "überprüfen".

Williamson bedauert

In seinem an die (für die traditionsorientierten Gläubigen zuständige) päpstliche Kommission "Ecclesia Dei" gerichteten Entschuldigungsschreiben beteuerte der Geistliche, er hätte nur die "Meinung eines Nicht-Historikers" ausgedrückt, die sich auf die Erkenntnisse von vor zwanzig Jahren gestützt habe. "Der Heilige Vater und mein Oberer, Bischof Bernard Fellay, haben mich ersucht, die Bemerkungen, die ich vor vier Monaten gegenüber dem schwedischen Fernsehen gemacht habe, neu zu überdenke, da deren Folgen sehr schwerwiegend gewesen sind. In Anbetracht dieser Folgen kann ich wahrheitsgemäß sagen, dass es mir leid tut, diese Bemerkungen gemacht zu haben, und dass ich sie nicht gemacht hätte, wenn ich im Vorhinein um den ganzen Schaden und den Schmerz gewusst hätte, die diese verursachen würden, besonders der Kirche, aber ebenso den Überlebenden und den Verwandten der Opfer der Ungerechtigkeit unter dem 'Dritten Reich'", erklärte Williamson.

Der Brite, der vom anglikanischen Glauben zum Katholizismus konvertiert war und 1988 von dem Konzilsgegner Erzbischof Marcel Lefebvre die Bischofsweihe empfangen hatte, leitete zuletzt ein Priesterseminar in La Reja bei Buenos Aires. Die Pius-Bruderschaft hatte ihm die Leitung des Seminars Anfang Februar entzogen. Die argentinischen Behörden hatten ihn ultimativ zum Verlassen des Landes aufgefordert.

Exkommunikation aufgehoben

Papst Benedikt XVI. hatte im Jänner die Aufhebung der Exkommunikation der vier traditionalistischen Bischöfe Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais, Richard Williamson und Alfonso de Galaretta verfügt, die 1988 von Erzbischof Lefebvre unerlaubt, aber nach kanonischem Recht gültig geweiht worden waren. Gleichzeitig wurde die Pius-Bruderschaft vom Vatikan aufgefordert, die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils anzuerkennen. Bischof Fellay meinte nun in einem am Donnerstag von der Schweizer Zeitung "Le Courrier" veröffentlichten Interview, die Forderung nach einer Anerkennung des Konzils sei der "falsche Diskussionsansatz"; vielmehr müsse der Vatikan die Beschlüsse des Konzils, welches "die Priesterseminare und Gotteshäuser geleert" und zum Niedergang der Kirche geführt habe, infrage stellen.

"Bedauern dritter Klasse"

Als ein "Bedauern dritter Klasse" hat der Zentralrat der Juden in Deutschland die vom britischen Traditionalisten-Bischof Richard Williamson ausgedrückte Bitte um Vergebung für seine Holocaust-Leugnung zurückgewiesen. "Williamson zieht seine verlogenen Thesen zum Holocaust und dessen Leugnung ja auch keineswegs zurück, er bedauert doch nur, dass seine Worte schädlich gewirkt haben", sagte der Vizepräsident des Zentralrats, Dieter Graumann, am Donnerstag im Gespräch mit dem Düsseldorfer "Handelsblatt".

"Nein: Diese durch und durch verkorkste Erklärung von Williamson nimmt leider überhaupt nichts zurück, sie lässt vielmehr den Schluss zu, er halte die Holocaust-Leugnung, die er ja schon seit Jahrzehnten pathologisch auslebt, weiter aufrecht", so Graumann. Der Bischof der Pius-Bruderschaft habe zudem erklärt, seine Meinung sei vor 20 Jahren "aufgrund der damals vorhandenen Beweise" gebildet worden. "Als ob vor 20 Jahren die Existenz des Holocaust in Zweifel gestanden habe", unterstrich der Zentralrats-Vizepräsident.

"Fehlentscheidung des Vatikan"

Für Graumann ist das Thema damit "keineswegs vom Tisch, sondern aktueller als je zuvor". Er äußerte in diesem Zusammenhang abermals scharfe Kritik an Papst Benedikt XVI., der die Exkommunikation von Williamson trotz der Holocaust-Leugnung wie auch die von drei weiteren traditionalistischen Bischöfen der ultrakonservativen Pius-Bruderschaft zurückgenommen hat. "Diese fatale Fehlentscheidung des Vatikan hat bedauerlicherweise weiter Bestand", sagte Graumann.

Die Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, hat ihrerseits vor schwerwiegenden antisemitischen Tendenzen in den christlichen Kirchen gewarnt. "Die jüngsten Ereignisse verdeutlichen, wie tief verwurzelt der antisemitische Bodensatz insbesondere in fundamentalistischen Strömungen der katholischen Kirche ist", sagte Knobloch am Donnerstag der Internetausgabe der Zeitung "Die Welt". Es sei die moralische Pflicht der Kirchen, den innerkirchlichen Antisemitismus offensiv zu bekämpfen, betonte Knobloch.

Bayerische Bischöfe unterstützen Ratzinger

Im Streit um die gegenüber den Pius-Brüdern einzunehmende Haltung haben die bayerischen Bischöfe den Papst gegen einen kritischen Aufruf in Schutz genommen. In der sogenannten "Petition Vaticanum II" werde Benedikt XVI. unterstellt, er ließe zu, dass Teile der Kirche die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) leugneten. "Wir weisen den Versuch, Papst und Konzil gegeneinander auszuspielen, sowie den Vorwurf, der Papst verrate das Konzil, entschieden zurück", erklärten die Bischöfe in einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung.

Nach Ansicht des deutschen Philosophen und Kirchenexperten Kurt Flasch stimmt der Theologe Joseph Ratzinger in einer Reihe von Lehrpunkten und liturgischen Fragen mehr mit den Pius-Brüdern überein als mit Theologen, "die dem Zweiten Vatikanischen Konzil nachträglich alles Wünschenswerte zuschreiben." Das Konzil habe den Jurisdiktionsprimat des Papstes nicht angerührt. "Eine gewaltige Propaganda und optische Inszenierung ließ die Neuerungen des Zweiten Vaticanums größer erscheinen, als sie wirklich waren, und gegen diesen selbst erzeugten Effekt kämpft die römische Zentrale seit Jahrzehnten", schrieb Flasch in einem Artikel, den die "Süddeutsche Zeitung" und "Le Monde" veröffentlichten. (APA//dpa)

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