Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn

26. Februar 2009, 18:53
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Der ORF sollte Zorn und Stolz des Volkes sein, verwandt mit Burgtheater, Pratervergnügungen und Jodlerköniginnen - Von Martin Zimper

Seine Aufgabe ist es nicht, ein Geschäft zu sein, sondern höchste audiovisuelle Qualität zu liefern. Einblicke aus der Schweiz.

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Es ist, als hätten Papst und Kardinäle das Glaubensbekenntnis vergessen. ORF-Stiftungsräte und ORF-Direktoren suchen nach dem Konzept für den Österreichischen Rundfunk. Bis April wollen sie es gefunden haben.

Was ist das "Kerngeschäft" des ORF?, wollen Gremien und Direktion wissen. Schon die Wortwahl zeigt einen gemütskranken Patienten. Kerngeschäft? Der ORF hat einen Kern, aber dieser Kern ist eines nicht: ein Geschäft.

Sollen Geschäftsleute den ORF in die Zukunft führen? Der ORF ist im Kern eine gigantische audiovisuelle Geschichtenerzählmaschine österreichischer Stoffe. Ihre Motoren sind Künstler, Kreative, Journalisten, Designer und Gestalter. In Summe sollten deren Geschichten die fiktional geahnte oder journalistisch recherchierte Wahrheit über das österreichische Volk und seine Mächtigen zeigen.

Der ORF ist ein zutiefst österreichisches Kind der Zweiten Republik, neu gegründet im Glücksmoment des Rundfunkvolksbegehrens und in einem schwachen Moment des ÖVP-Kanzlers Josef Klaus. Eine Anstalt, die mehr als Ort der Seele und der Kreativität gesehen werden muss. Eine Anstalt, der allerdings die notwendige Anzahl an Verrückten ausgegangen ist. Der ORF ist mit dem Burgtheater, Pratervergnügungen, Jodlerköniginnen und dem ZDF zweifellos näher verwandt als mit SAT 1 oder RTL 2.

Zorn und Stolz des Volkes

Um Peter Sloterdijks "Zorn und Zeit"-Gedanken unverschämt verkürzend zu interpretieren: der ORF muss in seinen Programmen sowohl dem Zorn des Volkes Raum schaffen als auch dem Stolz des Volkes. Zorn und Stolz, Spannung und Entspannung, Harmonie und Streit: aus diesen Materialien müssen die Spiegel des Landes in öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Radioprogrammen sein.

Ein wesentlicher Kern des ORF sind professionell gemachte, qualitätsvolle bewegte Bilder. Auch wenn dies allzu einfach klingen mag: diesen audiovisuellen "professional generated content" schaffen weder die Zeitungsverleger auf ihren text- und fotobasierenden Webseiten noch die Privatsender innerhalb ihrer österreichischen Programmfenster. Der ORF hat "high quality content" herzustellen oder bei unabhängigen Produzenten zu beauftragen und auf allen Plattformen und Vertriebswegen, die technisch zur Verfügung stehen, anzubieten. Nicht nur linear über einen Fernsehkanal, sondern non-linear über Webportale wie "You Tube" und On Demand. Der iPlayer der BBC, mit dem die britischen Gebührenzahler ihre TV-Inhalte innerhalb von 7 Tagen nach Ausstrahlung online abrufen können, ist ein Vorbild dafür.

Die Seher folgen ihren Lieblingsserien, Lieblingsshows und ihren Stars und deren Marken eben auch auf Online- und Mobile-Plattformen. Wo aber sind jene österreichischen Serien, Shows, Stars und Marken, die der ORF entwickelt und großmacht und die seine Konkurrenzfähigkeit auf Online-Plattformen ausmachen werden?

Samstaghauptabendshow

Ein Blick in die Schweiz zeigt, wie öffentlich-rechtliche Sender auch in kleinen Ländern überleben können. Die SRG hat mit etwas über 1 Milliarde Euro ungefähr die gleiche Bilanzsumme des ORF, finanziert sich aber zum größten Teil aus Gebühren (der ORF nur zu 46%). Die SRG versteht sich als "idée suisse", verbreitet ihre Inhalte über alle verfügbaren Vertriebswege. Der Marktanteil der TV-Programme in der Prime Time (18.00 bis 23.00 Uhr) beträgt trotz starker Konkurrenz immer noch 41%.

Der ORF hat seine deutlichsten programmlichen Probleme im fiktionalen Bereich des Fernsehens, weniger im Journalismus oder im Radio. Während ARD und ZDF längst Willy Brandts Leben als Fernsehfilm in zwei Teilen senden oder in täglichen Talkshows eine deutsche Zivilgesellschaft abseits der Parteipolitik etabliert, bringt der ORF kein Kreisky-Biopic zustande oder einen TV-Movie zum Fall des Eisernen Vorhangs, geschweige denn einen österreichischen Kerner oder Beckmann.

Im Bereich Talkshow, grosse Dokumentation, satirischer Late Night Talk, Sitcom, Familienserie, Samstaghauptabendshow und Soap klaffen größte Programmlücken, die durch Auftrags- und Kaufproduktionen zu füllen wären (deren geringes Ausmaß am Programmvolumen der Rechnungshof in seinem jüngsten ORF-Bericht zu Recht kritisiert).

Der ORF ist eine Art mediale Festplatte, auf der österreichische Stories populär dramatisiert für heute und für morgen festgehalten werden sollten: ein hoch emotionales österreichisches Gedächtnis. Wenn man diese Festplatte verkleinert oder gar zertrümmert, wird auch diese nationale Memory-Funktion gelöscht sein.

Der ORF ist leicht zu zerstören, aber schwer zu ersetzen. Österreich, ein Land der schrankenlosen Yellow Press , der belanglosen Gratisblätter und des verlugnerten Boulevard-TV muss sich ein Qualitätsmedienhaus für TV, Radio und Onlinedienste leisten. Auch wenn es altmodisch klingen mag: es ist eine patriotische Aufgabe.

Der ORF ist eine gemischtfinanzierte Non-profit-Organisation, die sich im Dienst der Gesellschaft einem höheren Ziel verschrieben hat als Gewinnmaximierung. Er gehört allen, die Rundfunkgebühren zahlen (auch jenen, die aus sozialen Gründen davon ausgenommen sind). Der ORF hat - so betrachtet - mehr als zweieinhalb Millionen Anteilseigner, und keinen einzelnen bestimmenden Eigentümer. Dass im Rahmen der demokratischen Verfassung die in das Parlament gewählten Parteien in den Rundfunkgremien indirekt mitreden, ist eine Bürde des öffentlich-rechtlichen Modells.

Damit müssen dessen Führungskräfte umgehen können. Der sie bestellende Stiftungsrat sollte der Interessensvertretung der Gesellschaft dienen, und nicht nur der Gesellschaft der Interessensvertreter. Es sei angemerkt, was der ORF zukünftig nicht sein sollte: reiner Abspielkanal amerikanischer Film- und Serienware, ein Schlaraffenlandbetrieb zur Finanzierung überdurchschnittlich hoher Löhne, Sonderzahlungen und Zulagen, ein melancholischer Ort voll von Erinnerungen an bessere Zeiten, ein Jahrmarkt der unkoordinierten Eitelkeiten, eine Anstalt mit illoyalen Mitarbeitern und Direktoren. Vor allem letzteres scheint von aussen betrachtet das wesentliche Problem von Alexander Wrabetz zu sein. Es müsste für ihn ein Leichtes sein, das zu ändern. (Martin Zimper/DER STANDARD Printausgabe, 27. Februar 2009)

Der Österreicher Dr. Martin Zimper ist Dozent für audio- visuelle Medien und Leiter des Studienbereichs CAST an der Zürcher Hochschule der Künste

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