Absprung ohne Ausweg

26. Februar 2009, 18:50
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Auch der neue Großschanzen- Weltmeister kommt aus Österreich. Morgenstern war sich dessen, war sich seiner sicher. Ins Springen geht er mit nur mühsam rekonstruierter Zuversicht

Sechs Tage blieben Zeit, um Thomas Morgenstern gleichsam wieder auf die Füße zu stellen nach seinem Sturz im Finale des Normalschanzenspringens. Nach außen hin wirkte das weinende Nervenbündel vom Samstag am Tag vor dem Springen auf der Großschanze schon wieder wie der Siegertyp der Vorsaison.

Schließlich kann nicht sein, was nicht sein darf, nämlich dass Morgenstern bei seiner WM auf seiner Schanze leer ausgeht als Solist. "Weil ich gut in Form bin, super vorbereitet bin und mich freue", zählte der 22-Jährige die Gründe auf, warum er und kein anderer zu Gold springen werde. Wie dünn die Firnis der Zuversicht tatsächlich ist, sah man nach den beiden Trainingssprüngen am Donnerstag, die ihm gründlich missrieten. Und an der Erleichterung, dass es im dritten Versuch geklappt hatte mit einem wettkampftauglichen Satz des Olympiasiegers. In Normalsituationen heikle Adaptierungen am Sprungstil, abgesprochen mit Trainer Alexander Pointner und dessen Co Marc Nölke, führten kurzfristig zum Erfolg, als Morgenstern völlig der Verzweiflung anheimzufallen drohte.

Gefühl der Stärke

Es muss ein wenig wie damals, wie am 11. Jänner 2003 gewesen sein, als der Kärntner in Liberec auf ebenjenem Bakken Jestìd 1 als 16-Jähriger seinen ersten Weltcupsieg gefeiert hatte. "Da habe ich zum ersten Mal wirklich das Gefühl gehabt, dass ich Skispringen kann, dass ich die Konkurrenz beherrschen kann", sagte er vor Beginn dieser WM, seinem Saisonziel.

Wie kein anderer im Team hatte sich Morgenstern festgelegt. Schon hatte Gregor Schlierenzauer verkündet, dass er gerne die Vierschanzentournee gewinnen würde. Aber auch den Weltcup und eine Medaille bei der WM natürlich. Das mit der Tournee ist dem Tiroler ein wenig misslungen, den Weltcup und eine Medaille hat er aber im Sack. Also ist der 19-Jährige entspannt vor den restlichen Aufgaben und zeigte im Training der Konkurrenz den Favoriten auf Gold. Wolfgang Loitzl hatte vor der Saison nicht einmal geträumt vom Tournee-Triumph und dem Weltmeistertitel. Ein erster Sieg war die nun übererfüllte Vorgabe des 29-jährigen Steirers an sich selbst.

Morgenstern aber wollte nur einen Einzeltitel in Liberec, wo er insgesamt schon vier Springen - zwei im Welt- und zwei im Continentalcup - gewonnen hat. Die Tournee sprang er so mit, den Weltcup hat er, obwohl immerhin Vierter, abgehakt. In Nordböhmen wollte er das Gefühl abrufen, dass er auch bei seinen Olympiasiegen in Pragelato verspürt habe. "Ich nenne es das Liberec-Gefühl." Und jetzt muss er erzählen, wie gut ihm die vielen aufmunternden Postings auf seiner Homepage tun, wie restlos er die Enttäuschung vom Samstag schon verwunden hat, wie sicher er doch seiner Sache sei, und wie gerne er gerade bei schwierigen Bedingungen mit Schneefall und Wind springe.

Zeichen der Reife

Stärke, sagt Mentalbetreuer Christian Uhl, könne man sich einreden, wenn das Bemühen nicht auf völlig an den Haaren herbeigezogenen Argumenten fuße. Uhl, der Morgenstern mit aufrichten half, fand Morgensterns Festlegung auf den Erfolg in Liberec durchaus richtig. "Er hat keine Exitstrategie", sagte der Vorarlberger vor der Saison. Das sei gar nicht schlecht, sondern vielmehr ein Zeichen der Reife. Für eine Neubewertung blieben sechs Tage. (Sigi Lützow aus Libere, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 27.02.2009)
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    Thomas Morgenstern fährt rauf auf die Schanze und will nur das eine, die Goldene. 

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