Was heißt eigentlich Religionsfreiheit?

26. Februar 2009, 18:39
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Dass der Laizismus das Verhältnis von Politik und Religionen besser regelt, scheint ein Mythos zu sein - Wolfgang Müller-Funk

Der gegenwärtige Konflikt mit demokratiefeindlichen islamischen Religionslehrern provoziert wie von selbst die Frage, ob die Zivilgesellschaft hierzulande nicht prinzipiell das Verhältnis von Staat und Religion auf neue Grundlagen stellen soll. Schließlich darf man die Kritik korrekterweise nicht auf islamische Lehrer beschränken.

In Österreich sei, so kann man gelegentlich hören, die Trennung von Kirche und Staat nicht konsequent durchgesetzt. Dass das Konkordat, wie auch in Deutschland und Italien, überdies auf einer Abmachung zwischen dem Vatikan und einem antidemokratischen Regime beruht, verschafft einer solchen Position unzweifelhaft demokratische Legitimation.

Historisch betrachtet geht eine solche Haltung auf einen Laizismus zurück, dessen Wurzeln in die Aufklärung des 18. Jahrhunderts zurückreichen und der im Josephinismus und in der französischen Revolution wirkungsmächtig geworden ist. Er basiert auf einer großen Erzählung, die indes ihre Strahlkraft eingebüßt hat: dass nämlich Religion das Produkt eines vorkritischen Bewusstseins sei, das sich im Prozess der Moderne auflösen würde. Das damit verbundene Toleranzgebot ist, wie das Beispiel des untergegangenen Kommunismus - einer totalitären Version der historischen Aufklärung - zeigt, taktischer

Natur und zugleich historisch befristet.

Ein kurzer Seitenblick in soziologische, kulturwissenschaftliche und philosophische Publikationen zeigt, dass vom Tod der Religion nicht die Rede sein kann. Die Totgeglaubte gibt kräftige Lebenszeichen von sich. Und der europäische Laizismus, eher das Ergebnis verheerender Religionskriege als einer vernichtenden atheistischen Propaganda, erscheint heute, global betrachtet, als die Ausnahme von der Regel. Und selbst in Europa gibt es entwickelte, unbescholtene Demokratien wie in Großbritannien oder in Schweden, in denen es eine (lutherische bzw. anglikanische) Staatskirche gibt. Diese beiden Länder haben gewiss keinen geringeren demokratischen Standard als laizistisch verfasste Demokratien.

Ein Mythos scheint mir auch zu sein, dass der republikanische Laizismus, in Frankreich eine Art Zivilreligion, das Verhältnis von Politik und Religion besser lösen würde als Gesellschaften, in denen wie hierzulande der öffentliche Charakter von Religion pragmatisch anerkannt wird. Der Laizismus, dessen autoritäre Züge (Kopftuchverbot) unverkennbar sind, befindet sich als säkulare Religion nicht nur in einem permanenten Widerstreit mit allen anderen Religionen, sondern drängt gerade problematische Gruppen in den Untergrund und damit in die Unsichtbarkeit. Die zur Privatsache erklärte Religion verschwindet aus dem demokratischen Diskurs.

Unlängst hat der französische Philosoph Jean-Luc Nancy davon gesprochen, dass der klassische Atheismus nur die andere Seite der traditionellen Frömmigkeitshaltung sei und dass wir uns - auch Agnostiker wie er selbst - noch immer in einem christlichen Kontext befinden. Das heißt aber auch, dass Religion eine symbolische Form darstellt, die an Phänomene rührt, die nicht aufhebbar sind und die Verarbeitung erfordern.

Wenn dies stimmt, dann ist religiöse Bildung, die nicht mit einem blassen Ethikunterricht verwechselt werden darf, ebenso wichtig wie politische, ästhetische oder technisch-naturwissenschaftliche. Religion ist ein Fundament jedweder Kultur, und junge Menschen, die in unseren Kulturen aufwachsen, sollten die "Software" kennen, auf der sie beruhen.

Die schnelle Reaktion der zuständigen Ministerin, Claudia Schmied, war nicht nur souverän, sondern macht deutlich, wie ein nicht konsequent laizistischer Staat auf Regelverletzungen reagieren kann und muss. Ich würde mir des Öfteren, auch in Richtung heimischer rechtsextremer Gruppen, eine solche Courage wünschen. Einer Anlassgesetzgebung bedarf es dazu keineswegs. (Wolfgang Müller-Funk/DER STANDARD Printausgabe, 27. Februar 2009)

Wolfgang Müller-Funk, Germanist und Kulturphilosoph, lehrt unter anderem an der Universität Wien.

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