Staatsoper: "Carmen", auf den Kopf gestellt

26. Februar 2009, 18:39
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134. Wiener Vorstellung der Zefirelli-Inszenierung

Wien - Nach vokalen Kriterien betrachtet, hätte die Geschichte an diesem Abend ganz anders ausgehen müssen: Carmen wäre unbeschadet ihrem Escamillo (solide Ildebrando D'Arcangelo) in die Arme gefallen. Don José nämlich hätte sich schon ziemlich früh von ihr abgewandt und die liebe Micaëla geehelicht. Genia Kühmeier (als Micaëla) demonstrierte schließlich (bis auf ein Spitzentönchen), was kultivierte lyrische Liniengestaltung, was eleganter Umgang mit Dynamik bedeutet und wie Kantabilität und Rollengestaltung zu vereinen sind.

Vesselina Kasarova war natürlich keine üble Carmen. Sie belebte den szenischen Uraltkostümschinken von Franco Zeffirelli (in der 134. Vorstellung) mit dem herben Charme einer wilden Lady, die nur den Gesetzen des Spontanen gehorcht. Das ist schon eine ganze Menge für einen Repertoireabend. Ihre vokale Botschaft jedoch darf als etwas unausgewogen bezeichnet werden. Spitzentöne kamen zwar sauber, mitunter aber allzu markig; die Tiefen wirkten hingegen klanglich wie ein Fremdkörper, und dazwischen gab es - außer im 2. Akt - reichlich viel Andeutung statt Phrasenausgestaltung. Eigenartig.

José Cura (als Don José) war dazwischen der bewährte Verwalter des gewissen Etwas in der Stimme. In Momenten der Kraftentfaltung überzeugte er; dort hingegen, wo es intim wurde, gelangte er an die Grenzen seiner Pianokunst. Nichts Neues also, doch in jedem Fall eine intensive Raserei-Performance. Das Orchester unter Asher Fisch pendelte zwischen Tempoextremen und hatte auch klangschöne Zurückhaltung wie ein paar Patzer im Repertoire. Ergibt eine solide Instrumentalbilanz. (Ljubiša Tošić / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.2.2009)

 

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