"The Wrestler": Kein Ruhestand in Würde

26. Februar 2009, 18:11
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Wer einmal ganz unten war, dem kann es gelingen, unter besonders großer Anteilnahme wieder oben anzukommen: Mickey Rourke spielt in Darren Aronofskys "The Wrestler" die Rolle seines Lebens

Wien - Beim Wrestling ist jeder Schlag eine ausgemachte Sache. Der Neckbreaker und die Chokebomb gehören zu einer Show, in der Schmerz nur als grelle Geste der Übertreibung vorkommt. Randy "The Ram" Robinson, die Titelfigur aus Darren Aronofskys The Wrestler, ist unter den Kombattanten eine Art amerikanischer Vorstadtheld. Mit seiner blonden Haarmähne und dem braungebrannten Hardbody sieht er zur einen Hälfte wie ein wuchtiger Biker, zur anderen wie ein verlebter Heavy-Metal-Star aus. Seine Gegner Necro Butcher und Ayatollah stehen schon namenstechnisch auf der falschen Seite.

Der Ruhm vergangener Tage

Doch über Gewinn und Niederlage wird in The Wrestler nicht zwischen den Seilen entschieden. Das Leben abseits der Bühne hält die eigentlichen Herausforderungen bereit. Mit einer guten Dosis Nostalgie erzählt Aronofsky von den Lebensumständen eines Tagelöhners, der vom Ruhm vergangener Tage zehrt: In den 80er-Jahren ein gefeierter Star seines Metiers, wälzt er sich heute in kleinen Turnhallen vor einem überschaubaren Publikum auf dem Boden. Nach dem Auftritt kehrt er wie ein müder Riese in den Trailer-Park zurück. Ein Zirkustier, das außerhalb der Manege keinen interessiert.

Das Prinzip des Comebacks ist ein fester Bestandteil der amerikanischen Mythologie. Wer einmal ganz unten war, dem kann es gelingen, mit besonders viel Anteilnahme wieder oben anzukommen. Mickey Rourke spielt in The Wrestler die Rolle seines Lebens. Die Regie ist sich des Besetzungscoups in jedem Moment bewusst: Maryse Alberti, die bisher vor allem Dokumentarfilme fotografierte, heftet sich mit der Kamera an den Protagonisten, als dürfte er ja nicht verlorengehen.

Als Randy das erste Mal als Wurstverkäufer arbeiten muss und den Gang hinter die Theke antritt, begleiten wir ihn durch das Lager, und man hört dabei aus dem Off das Publikum wie vor einem Auftritt grölen. Solche Überlagerungen genügen, um zu demonstrieren, dass Randy immer "The Ram" bleiben wird. Die Star-Persona überdeckt hier den Menschen.

Im Kino ist es immer spannend, wenn sich Fiktion und Realität überschneiden. Im Falle von Mickey Rourke als Wrestler erhält dieses Verhältnis eine besonders exzessive Note, weil die Rolle den Schauspieler zum Vorbild hat. Schon in der Biografie des sanftmütigen Rebells der "Brat Pack" -Generation gibt es Parallelen:

Wenn Randy auf die 90er schimpft als das Jahrzehnt, in dem er seine Legitimität einbüßte, dann weiß Rourke besser als jeder andere, wovon er spricht. In den 80ern ein aufsteigender Star, dessen instinktive Präsenz manche sogar an Marlon Brando denken ließ, ging es mit seiner Karriere im Jahrzehnt danach steil bergab. Rourke wechselte zurück in den Boxring, seine Ehe ging zu Bruch, die plastische Chirurgie hinterließ in seinem Gesicht Spuren; im Nachhinein erscheinen diese Zurichtungen allerdings so, als hätte er sie für diesen Part erleiden müssen.

Der geschundene Körper übernimmt in The Wrestler eine zentrale Funktion: Er belegt erst die Glaubwürdigkeit des Helden. In Rocky Balboa ging es noch darum, die müde gewordenen Muskeln für eine letzte Konfrontation zu trimmen, um dann heroisch über das Alter zu triumphieren. Aronofsky unterspielt solches Pathos, indem er die Routinen von Randys Körperpflege ausbreitet. Nicht der Trainingsraum, wo der innere Schweinehund besiegt werden muss, ist sein Übungsplatz, sondern eher unmännliches Terrain: Wir sehen, wir er sich beim Friseur die Strähnchen erneuern lässt, und begleiten ihn ins Solarium, wo er nicht gleich aus seinen Jeans herauskommt.

The Wrestler folgt keiner Rise-and-fall-Geschichte, sondern läuft auf eine Heilsgeschichte hinaus. Es ist kein Zufall, dass die Striptease-Tänzerin Cassidy (Marisa Tomei) Randy von The Passion of Christ erzählt und dabei vor allem die physischen Qualen Jesu hervorhebt. "Tough dude" , meint der Wrestler, der wenig später mit einem Herzinfarkt auf der Bühne zusammenbricht, um sich dann seinen Sünden zu stellen und die eigene Körperlichkeit zu überwinden. Randy ist gezwungen, in einen Alltag zu wechseln, den er aus seinem Leben längst ausgeschlossen hat.

Aronofsky und Drehbuchautor Robert S. Siegel nehmen durchaus die eine oder andere billige Wendung in Kauf. Der abgehalfterte Wrestler, der das Verhältnis zu seiner bitter enttäuschten Tochter (Evan Rachel Wood) verbessern möchte - das könnte leicht schiefgehen. Doch Rourke stattet seinen Helden mit einer Sanftmut aus, die dessen ungeschickten Schritten eine eigene Form von Melancholie verleiht. Selbst die alte Geschichte vom Barmädchen mit gutem Herzen, das auf die Avancen Randys eingeht, ist man bereit zu tolerieren, weil sie innerhalb dieser Erlösungsgeschichte stimmig scheint.

Versehrte Veteranen

Außerdem ist sie symmetrisch angelegt: Wie Randy arbeitet auch Cassidy in einer Profession, in der man das eigene Fleisch ausstellt. Die besten Momente des Films gehören dennoch Rourke allein, wie er allmählich darüber Gewissheit erlangt, dass es für ihn keinen Ruhestand in Würde geben kann. Einmal findet sich Randy in einer Autogrammrunde unter anderen Wrestlingveteranen wieder. Wie in einem Traum - der Moment vergeht in Zeitlupe - streift sein Blick die Kollegen, von denen der eine einen künstlichen Harnröhrenausgang hat, und beim anderen steht eine Krücke an den Tisch gelehnt.

Umgekehrt findet er an der Wursttheke des Supermarkts zu keiner Routine in einem gewöhnlichen Job. Er rastet aus, schneidet sich absichtlich in die Hand, um mit einem blutverschmierten Gesicht aus dem Geschäft zu laufen. Der Abgang ist wie einer seiner Wrestlingauftritte choreografiert. Im Ring hätte er mit diesem Körpereinsatz für Begeisterung gesorgt, doch hier erntet Randy "The Ram" Robinson nur entsetzte Blicke. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.2.2009)

  • Ein gestandenes Zirkustier hält es nicht lange hinter der Wursttheke im Supermarkt: Mickey Rourke als alternder Wrestler Randy "The Ram"  Robinson, der in Darren Aronofskys Drama "The Wrestler"  den Ausstieg aus dem Schaukampfgewerbe versucht. 
 
 
    foto: filmladen

    Ein gestandenes Zirkustier hält es nicht lange hinter der Wursttheke im Supermarkt: Mickey Rourke als alternder Wrestler Randy "The Ram"  Robinson, der in Darren Aronofskys Drama "The Wrestler"  den Ausstieg aus dem Schaukampfgewerbe versucht.

     

     

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