"Irgendwann beginnt die Geschichte"

11. März 2009, 17:50
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Die Harnsäure gewinnt nun auch abseits der Gicht an Bedeutung - Neben Herzinfarkten zeichnet sie sich für chronische Nierenschäden verantwortlich

Wie Pech und Schwefel kleben die beiden Begriffe Harnsäure und Gichtanfall aneinander. Rudolf Obermayr, Facharzt für Innere Medizin am Sozialmedizinischen Zentrum Ost in Wien, hat die Harnsäure nun als Risikofaktor für chronisches Nierenversagen identifiziert. Bis dato zeichneten sich Bluthochdruck und Diabetes hauptverantwortlich als Täter der Niere.

Anfang der Geschichte

"Die Patienten kommen erst ins Spital, wenn sie krank sind", bedauert der Wiener Nierenspezialist und hat im Rahmen einer Studie, dem "Vienna Health Screening Project", die Daten von 21.475 augenscheinlich gesunden Erwachsenen über einen Zeitraum von sieben Jahren analysiert. Obermayr wollte herausfinden, ob und wie Blutzucker oder Blutdruck als Initiator von Erkrankungen wirken. Ebenfalls Teil dieser umfangreichen Gesundenuntersuchung war die Harnsäure.

Physiologisch betrachtet ist die Harnsäure für Mediziner keine Unbekannte. Sie entsteht beim Abbau von Eiweiß und tritt im Stoffwechsel zwangsläufig als Endprodukt auf. Der Mensch findet keine Verwendung dafür und scheidet die Harnsäure deshalb mit Hilfe der Niere aus. Womit auch medizinischen Laien einleuchtet: Eine geschädigte Niere lässt den Harnsäurespiegel im Blut steigen. "Umgekehrt wird dagegen seit Jahrzehnten die Lehrmeinung vertreten, dass die Harnsäure für die Niere selbst ohne schädigende Bedeutung ist", sagt Obermayr und wähnte das Abbauprodukt schon länger zu Unrecht nur auf die Gicht reduziert.

Gefäßschädigende Wirkung

Während Kardiologen bereits einen Zusammenhang zwischen der Harnsäure und dem Herzinfarktrisiko erkannten, schenkten Mediziner der Niere diesbezüglich lange Zeit eher wenig Beachtung. Für den Wiener Nephrologen nicht nachvollziehbar: "Warum sollen pathologische Mechanismen eines Herzinfarktes, nicht auch für das Versagen von Nieren gelten?" Seine Vermutungen, dass die Harnsäure überall im Körper einen Gefäßschaden verursachen könnte, zeigte sich in den ausgewerteten Daten der Wiener Studienpopulation bestätigt. Das Risiko zur Entstehung eines chronischen Nierenschadens war bei den Probanden mit leicht erhöhter Harnsäure (7-9mg/dl) im Blut bereits um 26 Prozent höher und bei Harnsäurewerten über 9mg/dl um 63 Prozent höher als in der Gruppe mit "normalen" Harnsäurespiegeln.

Dazu muss man Folgendes wissen: So wie ein Infarkt das gefäßbedingte Großereignis im Herzen darstellt, führt ein chronischer Gefäßschaden in der Niere völlig unbemerkt zur Endstation Dialyse (Nierenersatztherapie).

Präventiver Nierenschutz durch Harnsäuresenker

"Besonders risikoreich ist die Kombination von erhöhter Harnsäure und Hypertonie", warnt Obermayr und erinnert daran, dass beides vorrangig bei übergewichtigen und fettleibigen Menschen auftritt. Die Erkenntnisse seiner Studien haben Obermayr auf dem europäischen Nierenkongress 2008 den "Young Investigators Award" eingebracht. Die Studie selbst wurde im renommierten US-Fachjournal für Nierenkrankheiten JASN (Journal of the American Society of Nephrology" im Dezember vergangenen Jahres veröffentlicht.

Konsequenz für die Praxis hat das alles bedauerlicherweise bis dato nicht. "Man muss es noch ignorieren, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dass da was dran ist, ziemlich hoch ist", sagt Obermayr und hofft, dass zukünftige große Studien den vorbeugenden Schutz von Nieren und Herz durch Harnsäuresenker wie beispielsweise Allopurinol beweisen werden.

Derzeit gibt es nur eine zwanglose Übereinkunft Harnsäurewerte über 9 mg/dl zu senken. "Weil da fürchten sich traditionell alle ein bisschen vor der Gicht", weiß Obermayr und will, dass hinkünftig Harnsäurewerte kleiner als 5-6 mg/dl angestrebt werden. Damit die Nierengeschichte erst gar nicht beginnt. (Regina Philipp, derStandard.at, 10.03.2009)

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    Nach der Dialyse folgt die Transplantation der Niere

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