Idyllen zersetzen mit Nadel und Faden

25. Februar 2009, 20:06
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Nives Widauer und Sara Rahbar in der Wiener Galerie Hilger Contemporary

Grazil springt der Lippizaner, streckt seine Beine in die Höhe. Weniger elegant streckt es seinen Bereiter hin, dieser schluckt dabei viele Sägespäne. In Zeitlupe hat die Künstlerin Nives Widauer auch das Gleiten, vielmehr das Zu-Boden-Gleiten eines Tanzpaars eingefangen. Im Spiegel eines Schminktischs führt Widauer dieses schelmische "Slipping, Sliding" vor.

Eine kleine installative Arbeit, die einen Vorgeschmack auf den augenzwinkernden Humor der in Wien und Basel lebenden Künstlerin (geb. 1965) gibt. Auch für ihre beißend ironischen Stickbilder gibt sie eine Lesart vor. Das Motiv des Spiegels und der Reflexion spielt auf den Bereich des Privaten an, verweist formal auf Perspektivwechsel und Gegensätze zwischen Innen- und Außensicht.

Ein Fundus alter Stickvorlagen, mit österreichischen Sehenswürdigkeiten und drolligen Vierbeinern im Motivrepertoire, dient ihr als Vorlage für subtile, witzige Demontagen klassischer Idyllen. Über ihrer Almlandschaft schwebt ein bedrohliches Szenario aus Fallschirmen, hinter Klosterkirchen ergießt ein Vulkan seine Lava, nackte Frauenleichen säumen wilde Wasser: Das Böse lauert. Überschriften der Boulevardpresse sind ihr oft Inspiration, erklärt Widauer, die in der Chronikabteilung ihrer "Minor Catastrophies"-Serie etwa das ins Bier gefallene Gebiss neben eine Inzest-Szene platziert. Davor hat sie aus braunen Nachkriegs-Emailtöpfen die Alpenrepublik arrangiert: "Felix Austria".

Dieses Arbeiten mit traditionell weiblichen Medien und Techniken sowie vorgefundenem Material eint Widauer mit Sara Rahbar (geb. 1976). Vor zwanzig Jahren verließ Rahbar den Iran, fühlt sich aber, als würde sie "seit zwanzig Jahren in einem Hotelzimmer" leben. Die Auseinandersetzung mit ihren iranischen Wurzeln schlägt sich in Arbeiten nieder, die Motive unterschiedlicher kultureller und religiöser Hintergründe verwebt. Als Basis dienen ihr Flaggen, vor allem die amerikanische, die sie zu "orientalischen" Wandteppichen, besetzt mit folkloristischem Schmuck und Stoffen, militärischen Symbolen und Utensilien umfunktioniert: ein Formenreichtum, der das Nationalistische der Flaggen überwuchert. (kafe / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.2.2009)

Hilger Contemporary, 1010 Wien, Dorotheergasse 5. Bis 21. 3. 

  • "Texas ist eine Welt für sich", erklärt Sara Rahbar kopfschüttelnd und schenkt dem "One-Star-State" ein paar bereichernde Blumen: "Texas Flower. Flag #22" (2008)
    foto: hilger contemporary

    "Texas ist eine Welt für sich", erklärt Sara Rahbar kopfschüttelnd und schenkt dem "One-Star-State" ein paar bereichernde Blumen: "Texas Flower. Flag #22" (2008)

  • "Minor Catastrophy #59" von Nives Widauer.
    foto: hilger contemporary

    "Minor Catastrophy #59" von Nives Widauer.

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