Nicht nur Erdogan spricht kurdisch

25. Februar 2009, 19:09
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Chef der Kurdenpartei Türk verwendete vor dem Parlament seine Muttersprache

"Warum darf nur Herr Erdogan kurdisch reden und nicht die Kurden?", empörte sich Ahmet Türk, Vorsitzender der kurdischen DTP gestern, als es im Parlament zu einem Eklat gekommen war, nachdem Türk begonnen hatte, eine Rede in seiner Muttersprache zu halten. Erstmals, nachdem die Politikerin Leyla Zana bei ihrer Vereidigung als Abgeordnete 1991 versucht hatte, im Parlament in Ankara ein paar Sätze auf Kurdisch zu sagen und dafür mit fast zehn Jahren Gefängnis bezahlte, machte am Dienstag wieder ein kurdischer Politiker einen Anlauf, seine Sprache vor dem Parlament zu verwenden.

Zwar nicht in einer Plenardebatte, aber in einer Rede vor seiner Fraktion, legte Türk nach den einleitenden Worten sein türkisches Redemanuskript zur Seite und wechselte in seine Muttersprache. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis das Parlamentsfernsehen, in dem Reden der Fraktionschefs live übertragen werden, sich bei Ahmet Türk ausklinkte. Parlamentspräsident Köksal Toptan von der regierenden AKP begründete das damit, dass nach der Verfassung im Parlament eine andere Sprache als Türkisch nicht erlaubt ist. Türk verwies dagegen auf den Kanal 6 des Staatsfernsehens TRT, der seit Anfang des Jahres in Kurdisch sendet. "Wenn ein staatliches Fernsehprogramm in Kurdisch sendet und Premier Erdogan bei seinen Wahlauftritten im Südosten des Landes kurdische Sätze sagt, warum dürfen wir dann nicht kurdisch reden?"

Der Kanal 6 wird von den Kurden im Südosten der Türkei begeistert genutzt. Daraus ergibt sich aber für jeden Kurden die Frage, warum, wenn schon das Staatsfernsehen kurdisch sendet, die Sprache bei anderen Gelegenheiten verboten bleiben soll.

Laut Parteiengesetz ist es streng verboten, bei politischen Veranstaltungen eine andere Sprache als Türkisch zu verwenden. Trotzdem wollte Erdogan ursprünglich, dass sein großer Auftritt am letzten Sonntag in Diyarbakir im laufenden Wahlkampf für die Kommunalwahlen im März von Kanal 6 auch in Kurdisch übertragen wird. Das wurde dann zwar in letzter Minute doch nicht gemacht, Erdogan gab aber einige einstudierte kurdische Sätze zum Besten, um sich beim Wahlvolk beliebt zu machen.

Darauf bezog sich nun Türk: Es könne wohl nicht sein, dass "Kurdisch für den Staat erlaubt, aber für die Kurden verboten ist". Mit dieser Position ist er im Unterschied zu Leyla Zana in den 90er-Jahren auch innerhalb der türkischen Gesellschaft nicht mehr allein. Der Kolumnist Cengiz Candar schrieb in der Zeitung Radikal: "Kurde Ahmet Türk, das hast du sehr gut gemacht." Trotzdem hat die Staatsanwaltschaft in Ankara eine Untersuchung gegen Türk eingeleitet. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 26.2.2009)

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    Der Chef der kurdischen Partei DTP, Ahmet Türk.

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