Der Trompetenkrach des Untergangs

25. Februar 2009, 18:42
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Peter Konwitschnys "König Lear" am Grazer Schauspielhaus bleibt als Theaterpanorama auf Distanz

Graz - Da glaubt einer, er kann zuerst absolutistisch herrschen und danach als „Mensch" in Pension gehen: Weit gefehlt, König Lear! Der Regent Britanniens, dessen Welt sich in einem schwarzen und allem Anschein nach gottlosen Loch zwischen Mittelalter und Renaissance erstreckt, hat falsch kalkuliert. Wer die Macht abgibt, ist der Macht anderer ausgeliefert.

Pech für Lear, denn die Liebesbezeugungen, die der abdankende König seinen Kindern zu entlocken versucht und nach deren Größe sich auch das Erbteil bemisst, sind wortreich, in der Praxis aber schrecklich dürftig. Während sich die beiden älteren Töchter Goneril (Frederike von Stechow) und Regan (Jaschka Lämmert) den Mund fusselig reden und am Grazer Schauspielhaus dafür mit stattlichen Landkartenfetzen versorgt werden, macht die jüngste, Cordelia (Sophie Hottinger), bei diesem Spiel nicht mit. Und geht leer aus.

Mehr noch: König Lear (Udo Samel) verbannt sie aus der Familie. Alles beginnt zu zerreißen. Mit ihr schickt der allzu kurzentschlossene König auch einen zweiten Guten, den Grafen von Kent (Gerhard Balluch mit steirischem Dialekt), fort. Es folgt ein niederträchtiges Ringen um die Herrschaft, das im Tod beinahe aller Beteiligter endet: Noch düsterer als Hamlet, noch zerstörerischer als Macbeth, wie unnachgiebig von der Uraufführung 1605 an befunden wurde, weshalb man lange Zeit einer Happyend-Fassung von Nahum Tate den Vorzug gab.

Heute kratzt das Grauen am Theater keinen mehr. In Peter Konwitschnys Inszenierung (nach der Übersetzung von Werner Buhss) hat dieses Herrschaftsbild das Stadium der großen Tragödie auch überwunden. Udo Samels Lear ist ein postmodernes Geschöpf, das um seinen Untergang von Anfang an weiß. Seine Figur entwickelt keine inneren Haltungen, sondern sie spielt bereits damit. Der König ist seine eigene Marionette. Und so lässt er sich bereits zu Beginn des knapp vierstündigen Abends selbst als King-Lear-Puppe vom Balkon ins Bodenlose stürzen. Der König ist tot, es lebe der König: Am Hubstapler-Thron fährt er wieder hoch, sein Szepter ist eine krächzende Trompete.

In diesem anti-tragödischen Konzept ist Burgschauspieler Udo Samel der richtige Mann auf verlorenem Posten. Unter einer Papierkrone und einem schmuddeligen Hermelin spielt er den trotzigen, verstoßenen Alten als Narren, der für sein Gefolge gern eine Kiste Bier unterm Allerwertesten bereithält. Auf einer sich in den Zuschauerraum erstreckenden, umständlichen und letztlich nicht gewinnbringenden Bühne (Jörg Koßdorff) schiebt Konwitschny mehrere Inszenierungen ineinander - vom Arenatheater in historischen Kostümen über abstrakte Agitation mit Fototapetenimpressionen oder Metatheater in Privatkleidung auf den Publikumsrängen.

Mit diesem Panorama gelingt es Konwitschny, den Bogen bis in die Gegenwart zu spannen, sein König Lear sitzt schlussendlich auch im Anzug unter uns. Nur will man das nicht so recht glauben. Dieser abgehalfterte König, mindestens aus Büchners Reichen Popo oder Pipi, bleibt als Protagonist eines Theaterexperiments auf Distanz. Man kann ihn einerseits nicht ernst nehmen, doch als reine Groteske verliert er ebenso all seine Kraft.

Irgendwo in diesem Reflexionsdschungel ging er verloren - trotz vieler sehr schöner Details. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.2.2009)

  • "König Lear" am Schauspielhaus Graz (v.l. Lammert, Samel, von Stechow)
    foto: grazer schauspielhaus / peter manninger

    "König Lear" am Schauspielhaus Graz (v.l. Lammert, Samel, von Stechow)

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