Umkämpftes "Erblehen" Kärnten

25. Februar 2009, 18:28
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Wenige Tage vor den Landtags-, Gemeinderats- und Bürgermeisterwahlen am 1. März herrscht Ausnahmezustand

"Kärnten - unser Land" prangt - versehen mit Fürstenstein und Landeswappen - auf dem Cover einer opulenten und sündteuren Hochglanz-Kärnten-Broschüre samt Film-CD. Das BZÖ hat die Werbemittel über eine Kärntner Gratis-Wochenzeitung an alle Haushalte verschicken lassen.

Gewollt oder ungewollt werden in der Jubelbroschüre wahllos Zeugen dafür angerufen, wie Haider „sein" Kärnten in den zehn Jahren seiner Regentschaft zum Blühen gebracht hat: etwa Kammerpräsident Christoph Leitl, Industriellenchef Veit Sorger, Bildungsministerin Claudia Schmied, Sängerin Sandra Pires oder Life-Ball-Organisator Gery Keszler. Die Kärntner Orangen in Gestalt der drei BZÖ-Regierungsmitglieder Landeshauptmann Gerhard Dörfler, Uwe Scheuch und Harald Dobernig lassen keinen Zweifel dran, dass Kärnten ihr „Erblehen" sei, das ihnen ihr tödlich verunglückter Gründervater und Landeshauptmann Jörg Haider hinterlassen hat.

Wenige Tage vor den Landtags-, Gemeinderats- und Bürgermeisterwahlen am 1. März herrscht in Kärnten Ausnahmezustand. 231.336 der 424.449 Wahlberechtigten sind Frauen. Sie werden wie die erstmals wahlberechtigten 16-Jährigen die Wahl entscheiden. Die Erbmasse, die Haider hinterlassen hat, war eine Stimmenmehrheit von 42,43 Prozent. Doch damals, 2004, war Haider noch mit der blauen FPÖ angetreten und das freiheitliche Lager noch vereint.
Gerhard Dörfler, als BZÖ-Spitzenkandidat Primus inter Pares der orangen Führungstrias, will Erster werden und Landeshauptmann bleiben. Ob ihm das gelingt, ist freilich offen, hat er doch durch peinliche Ausrutscher das Amt des Kärntner Landeshauptmannes zu einer Karikatur herabgewürdigt.

Nicht genug seines „Negerwitzes", ließ er sich diesen beim Villacher Faschingsumzug auch noch durch eine halbnackte dunkelhäutige Maskenschönheit illustrieren. Das könnte so manchen Freiheitlichen wieder zurück in die blaue Heimatpartei treiben, die mit dem BZÖ-Abtrünnigen Mario Canori auf einen Regierungssitz hofft. Kein Meinungsforscher wagt sich festzulegen, wie die Kärntner FPÖ, abschneiden wird. Kommt es tatsächlich zu dem prognostizierten Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen BZÖ und SPÖ, dann sieht es für die Blauen in Kärnten schlecht aus.

SP-Spitzenkandidat Reinhart Rohr dürfte SP-Sympathisanten, die seine Vorgängerin Gaby Schaunig in die Arme Jörg Haiders getrieben hatte, ins rote Boot zurückzuholen. Man hält in Umfragen derzeit beim Landtagswahlergebnis 2004, als die SPÖ 38,43 Prozent erreichte. Wichtigste Bastion der Sozialdemokratie bleiben nach wie vor die Gemeinden und Bezirksstädte, wo die SPÖ 2003 70 von 132 Bürgermeistern und 46,3 Prozent der Gemeinderatssitze eroberte.

Von den Kommunen profitieren könnte auch die ÖVP, die 26 Ortschefs stellt oder 23,5 Prozent der Gemeindemandate. VP-Chef Josef Martinz muss aber für die Landtagswahl auch jene fast zehn Prozent Wähler umwerben, die 2004 VP-Spitzenkandidatin Elisabeth Scheucher an Haider verloren hatte. Damals stürzte die ÖVP von 21 Prozent auf 11,64 Prozent ab. Im Landtag verbleiben dürften auch die Grünen, die 2004 6,71 Prozent verbuchen konnten. (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, Printausgabe, 26.2.2009)

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    Gerhard Dörfler ist Landeshauptmann und muss hoffen, es auch zu bleiben: Die SPÖ rückt wieder näher an das BZÖ heran, auch innerparteilich gibt es Konkurrenten. 

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