"Ein Leben für ein Leben": Von einem Mann, der ein Hund war

25. Februar 2009, 18:33
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"Ein Leben für ein Leben" erzählt von einem Holocaust-Überlebenden, der sein Trauma ungewöhnlich bewältigt - Regisseur Paul Schrader im Interview

Isabella Reicher traf den US-Regisseur, sein Film läuft jetzt im Kino.

Standard: "Ein Leben für ein Leben" basiert auf Yoram Kaniuks Roman "Adam Hundesohn" (1969). Sie wurden erst nach Fertigstellung des Drehbuchs als Regisseur angefragt. Was hat Sie animiert?

Schrader: Der Mann, der ein Hund war, und der nun einen Hund trifft, der lernen muss, wieder ein Junge zu werden: Was für eine originelle, interessante, komplexe und starke Metapher ist das! Sie würde sogar bei einer anderen Art von Trauma funktionieren, es müssten nicht die Konzentrationslager sein.

Standard: Waren Sie je unsicher, dem Thema gerecht zu werden?

Schrader: Der Nobelpreisträger Elie Wiesel beispielsweise hat sich vor Jahren gegen Spielfilme ausgesprochen, die den Holocaust zeigen. Ich glaube, ich hätte diesen Film nicht gemacht, wenn ich ihn ausschließlich als Holocaust-Film gesehen hätte. Es ist ein Film über einen Mann und einen Hund. Und weil ich keine Großeltern und Vorfahren habe, die mir über die Schulter blicken und sagen, folge unserer Tradition und unserer Religion, konnte ich ihn auch wirklich als einen Film über einen Mann und einen Hund anlegen und nicht so sehr als Reflexion über jüdische Geschichte und jüdische Identität.

Standard: Was ist anders, wenn Sie ein fremdes Skript verfilmen?

Schrader: Wenig. Sie müssen diese Tätigkeiten ohnedies trennen. Literarische und visuelle Logik. Zwei verschiedene Hirnhälften, zwei verschiedene Arten zu denken. Was ich üblicherweise aber mache: Ich tippe das Skript komplett ab. Verändere Beschreibungen, nichts Wichtiges, aber das vermittelt mir ein Gefühl von Eigentum.

Standard: Der Film ist eine israelisch-deutsche Koproduktion, gearbeitet wurde in Europa und Israel. Außer Ihnen waren im Team nur zwei weitere Amerikaner zugelassen. Inwiefern beeinflussen solche Dinge ästhetische Entscheidungen?

Schrader: Es war Zeit, mal etwas anderes zu machen. Ich habe eher klassisch gearbeitet. Das wurde mir langweilig, so wie einer Menge anderer Regisseure auch. Wir haben über Jahrzehnte einen Stil entwickelt, seit zehn Jahren nehmen wir ihn wieder auseinander.

Standard: Sie sind in jede Phase des Films eingebunden?

Schrader: Ich denke, das ist das, was Regisseure tun. Und mit der heutigen Technologie können sie mehr und mehr tun. Der am wenigsten kreative Teil ist das eigentliche Drehen. Der Teil der Arbeit, der viel mehr Spaß macht, viel kreativer ist, sind die Vorbereitungen. Wir haben etwa das Sanatorium, den zentralen Schauplatz, gebaut. Die Beschäftigung mit der Mise en scène fängt dabei früher an als an einer Location. Sie können den Raum verändern, und deshalb müssen Sie viel früher an die filmische Umsetzung denken. Denn Sie wollen ja nicht drehen und dann plötzlich sagen: "Mein Gott, warum haben wir diese Wand vor drei Monaten nicht niedergerissen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.2.2009)

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    Paul Schrader (62) schrieb u. a. das Drehbuch zu "Taxi Driver" (1976); seit 1978 auch Regiearbeiten: "American Gigolo" (1980), "Mishima" (1985), "Light Sleeper (1992) oder "The Walker" (2007).

     

     

  • Jeff Goldblum in "Adam Resurrected"
 
 
    foto: 3l

    Jeff Goldblum in "Adam Resurrected"

     

     

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