Improvisatorische Ambivalenzen

25. Februar 2009, 18:02
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Gerhard Rühm mit Michael Fischers "Vienna Improvisers Orchestra" im Porgy & Bess – ohne vorherige Proben und mit Gedichten, die Rühm nach aktuellen Zeitungsmeldungen verfasst hat

Wien - Der angebotene Stift wird höflich zurück gewiesen. Er schreibt nicht in der richtigen Farbe. Grün und blau mag er nicht, sagt Gerhard Rühm. Er bevorzugt es, Worte "schwarz auf weiß" zu notieren. Und zückt selbst ein adäquates Schreibgerät.

Gerhard Rühm ist kein Mann der Zufälligkeiten, im Alltag wie in der künstlerischen Arbeit. Improvisation stehe er skeptisch gegenüber, sagt der Mitbegründer der Wiener Gruppe, der vor zwei Wochen 79. Geburtstag gefeiert hat. Form und Konzept seien für seine Arbeit wichtig: "Meine auditive Poesie, die auf das gesprochene Wort, auf das Hören hin konzipiert ist, wird ja fast musikalisch notiert, wie gebundene Melodramen. Der Rhythmus steht fest, manchmal gehe ich sogar so weit, die Lautstärke zu fixieren" , so der studierte Pianist und Komponist.

Dennoch stellt sich Rühm am Freitag einer Performance mit dem Vienna Improvisers Orchestra, dessen spontan generierte Klänge Michael Fischer über Handzeichen strukturiert und formt. Das habe damit zu tun, "dass ich so etwas noch nie gemacht habe" . Ausschlaggebend mag auch gewesen sein, dass neben Rolf Schwendter und Ilse Kilic auch Rühms Freund Gerhard Jaschke bereits Partner des Orchesters war. Und es finden sich auch Anknüpfungspunkte in Rühms vielfältigem, oft zwischen schriftstellerischer, bildnerischer und kompositorischer Arbeit angesiedeltem Oeuvre.

1964 war Rühm aus dem für ihn perspektivenlosen, konservativen Österreich nach Berlin geflüchtet; dort habe er dann mit den Kollegen Oswald Wiener und Dieter Roth in Session-Marathons spontan Klänge musiziert; die Resultate haben sie - mitunter nachbearbeitet - als so genannte "selten gehörte Musik" auch auf Schallplatte veröffentlicht; eine Praxis, die übrigens 2002 auf Anregung des Schweizer Bratschisten Walter Fähndrich wieder auflebte: "Wir haben dabei bewusst versucht, nicht aufeinander Bezug zu nehmen; also, wenn einer anfängt leiser zu werden, nicht alle wie der Pawlow'sche Hund auch gleich leiser werden. Wir wollten, dass eine Art individuelle Kontrapunktik entsteht."

Mit Gulda gern gejazzelt

Der Faden lässt sich noch weiter zurück spinnen: "Ich war immer schon ein Jazzfan und bin es noch heute. Lennie Tristano, Gerry Mulligan, Billie Holiday und Charlie Mingus sind einige meiner Lieblinge. An der Musikakademie war ich mit Friedrich Gulda in einer Klasse. Gulda war ein großer Jazzfan, wir haben gerne ‚gejazzelt‘, wie wir das genannt haben. Dabei hat immer jemand für uns aufgepasst, damit nicht der Schuldiener vorbeikommt und uns anzeigt. Wenn man Jazz spielte, konnte man von der Hochschule fliegen. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen" , so Rühm.

In seinen eigenen kompositorischen Reflexionen dieser Musik hatte Spontaneität allerdings keinen Raum: Rühm, der auch privat bei Josef Matthias Hauer studierte, versuchte in den beiden auskomponierten "Jazzstücken" für Soloklavier von 1954 und 1958 eine Synthese von afroamerikanischer und Zwölftonmusik.

Auch Rühms Kollegen waren jazzaktiv, Oswald Wiener als Trompeter, Konrad Bayer als Banjo-Spieler im Kontekt der damals aufkommenden Dixieland-Revival. Diese Musik - außer in manch jazzbeeinflussten Chansons von Rühm - spielte allerdings bei den berühmten "Literarischen Cabarets" der Wiener Gruppe 1957/58 keine große Rolle.

Schockzustand bei Publikum

"Die Bezeichnung 'Cabaret' war natürlich Bauernfängerei, damit möglichst viele Leute kommen. In Wirklichkeit war es ein Happening. Nur gab es diesen Ausdruck damals noch gar nicht" , erinnert sich Rühm.

Beim Publikum Gemütszustände von Langeweile bis Ärger zu erregen, stand im Zentrum der Veranstaltungen: "Ein Klavier zu zerhacken, löste einen durchaus erwünschten Schockzustand beim Publikum aus" , so Rühm, der an dieser Aktion selbst beteiligt war. Außerdem, so sein Resümee, wurden im Zuge dieser Abende durchaus exakte Dramaturgien eingehalten.

Ein halbes Jahrhundert später ist das Resultat hingegen offen: "Wir machen vorher keine Probe, das ist mir wichtig. Ich habe Gedichte ausgewählt, die ich nach aktuellen Zeitungsmeldungen geschrieben habe und die keine kleinteilige Reaktion beim Vienna Improvisers Orchestra provozieren sollen. Ich will nicht, dass die Musik illustrativ wird." (Andreas Felber / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.2.2009)

27. 2., Porgy & Bess, 1., Riemergasse 11, (01) 512 88 11. 20.30

 

  • Im vielseitigen Werk des Jazzfans Gerhard Rühms darf der Zufall üblicherweise keine Rolle spielen. Eine Ausnahme ist die Performance mit dem Vienna Improvisers Orchestra morgen Abend.
 
 
    foto: standard / newald

    Im vielseitigen Werk des Jazzfans Gerhard Rühms darf der Zufall üblicherweise keine Rolle spielen. Eine Ausnahme ist die Performance mit dem Vienna Improvisers Orchestra morgen Abend.

     

     

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