Die "Nummer drei"

25. Februar 2009, 17:48
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Der Schweizer Erzählkünstler und Hobby-Magier Hermann Burger (1942–1989) hielt das Nachbarland verlässlich in Atem

Brunegg - Zu seiner letzten, für den 1. März 1989 anberaumten Lesung zog es der Schweizer Literat und Meistermanierist Hermann Burger vor, nicht mehr zu erscheinen. Als Burger sein von einer schweren manischen Depression überschattetes Leben am 28. Februar abrupt beendete, setzte er keinen unerwarteten Schlusspunkt unter eine mühselig ausbalancierte Existenz.

Einer seiner letzten Buchtitel trägt die wenig missverständliche Überschrift Tractatus logico-suicidalis: Über die Selbsttötung. Burger, der manische Selbstdarsteller, hatte die eidgenössische Öffentlichkeit mit seiner Virtuosität verlässlich in Atem gehalten.

Wenn der Autor der weithin akklamierten Romane Schilten, Die künstliche Mutter oder Brenner (Letzterer blieb unvollendet) nicht gerade über Wochen depressionskrank in seinem Brunegger Gemäuer verschwunden war, dann spielte er die Posse des Entfesselungskünstlers. Burger fuhr im knallroten Ferrari vor der Zürcher Kronenhalle vor, um die versammelte Lokalprominenz vor den Kopf zu stoßen. Muschg und Bichsel ließ er nicht gelten. Nach Frisch und Dürrenmatt, dem so ungleichen Dioskurenpaar der Schweizer Gegenwartsliteratur, käme bereits er als "die Nummer drei" .

Hinter Rauchschwaden

Dazu hüllte der Satzvirtuose sein Haupt vielsagend in Cohiba-Rauchschwaden. Burger zog - was so brachial im benachbarten Österreich nur dem Übertreibungskünstler Thomas Bernhard gelang - die Aufmerksamkeit auch Literatur-Abstinenter auf sich. Der aus dem Aargauer Land stammende Sohn wohlhabender Eltern wollte maßlos geliebt werden: ohne Rücksicht, ohne Reserve, aber auch ohne lästige Einschränkungen durch die calvinistische, auf Maßhaltung und Gewissensprüfung setzende Moral.

Burger, der weithin schwingende, mit Kunstwörtern gespickte Sätze zu bauen verstand, wie neben ihm vielleicht nur Gert Jonke, dilettierte zeitlebens als Zauberkünstler. Sein letztes, paradox anmutendes Kunststück: Er brachte sich selbst zum Verschwinden. Sein Nachruhm aber hat sich von dieser verzweifelten Manipulation am "lebenden Organismus" kaum wieder erholt.

Burger-Texte sind Oppositionserklärungen zum Status quo der Wirklichkeit. In seinen Erzählungen, mustergültig gesammelt etwa in den Bänden Diabelli und Blankenburg, sprechen vom Überschnappen bedrohte Virtuosen in eine gefühlte Leere hinein. Sie rechtfertigen sich, um im selben Atemzug kolossale Ansprüche an die ganze Welt zu stellen. Orchesterdiener finden sich da neben Nachtportiers und Magiern.

Die ganze Personage wirbt für ihr Existenzrecht, beklagt die Unsicherheit der sie niederdrückenden Verhältnisse. Am schauerlichsten aber leidet der "Leselose" : Er muss sich ganze Bibliotheken imaginieren, um seinen "Morbus lexis" zu überwinden. Der niederschmetternde Befund der Depression hindert ihn daran, Texte, die einer adeligen Dame und Schlossbesitzerin als kostbar gebundene Bände rund um die Uhr zu Gebote stehen, als belebende Elixiere in sich einzuschlürfen.

Hermann Burger, der eine Schweizer Regionallandschaft zur Bühne seines Welttheaters erhob, litt nicht unter Erfolglosigkeit. Er fand in Marcel Reich-Ranicki einen verständnisvollen Förderer - und landete nach mehreren Umwegen tatsächlich bei Suhrkamp. Burger entzückte die Laufkundschaft auf der Frankfurter Buchmesse mit Zauberkunststückchen - indem er etwa Reifen ineinanderwob (begeisterter Zuschauer: Noch-nicht-Kanzler Helmut Kohl). Und er gewann 1985 den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis - mit einer regelrecht bezwingenden Sprachtirade namens Die Wasserfallfinsternis von Badgastein, in der ein (natürlich kranker) Nachportier sich auf die Spurensuche nach einer verschollenen Franz-Schubert-Symphonie macht.

Dreierlei Maß

Drei Elemente nannte Burger als die gleichsam unverzichtbaren Ingredienzien seines Schreibens: Das "Circensische" , die Spiellust, auch das bedenkenlos Bluffende. Das "Cigaristische" : Kommentar überflüssig. Und schließlich: Das "Cimeterische" , also jene verzweifelte Lust an der Verzeichnung des Todes, in dessen überwältigendem Schatten der Autor verschwand.

Burger-Forscher müssen heute das moderne Antiquariat bemühen, um zu den Quellen vorzudringen. Greifbar sind der Erzählband Diabelli - Blankenburg (Ammann) sowie der soeben neu aufgelegte Roman Schilten (Nagel & Kimche). (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.2.2009)

  • Warb in der Öffentlichkeit für seine komplizierte Literatur: Hermann Burger, in den 1980ern abgebildet.
    foto: interfoto

    Warb in der Öffentlichkeit für seine komplizierte Literatur: Hermann Burger, in den 1980ern abgebildet.

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