Roma-Morde: Anschläge oft ungeklärt

25. Februar 2009, 17:43
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Ratlosigkeit und Schuldzuweisungen nach den Morden von Tatárszentgyörgy

Zwei Tage nach dem brutalen Mord an einem Vater und seinem vierjährigen Sohn in der Roma-Siedlung von Tatárszentgyörgy fahndete die ungarische Polizei am Mittwoch unter Hochdruck nach den unbekannten Tätern.

Die Behörden vermuten Zusammenhänge zu einem ähnlichen Doppelmord an einem Roma-Ehepaar im November in der ostungarischen Ortschaft Nagycsécs. Zumindest seien in beiden Fällen Jagdwaffen des gleichen Kalibers verwendet worden. Auch die Vorgangsweise der Täter - der Angriff aus einem angrenzenden Waldgebiet auf ein am Ende der Siedlung stehendes Haus, das Werfen von Brandsätzen und das Schießen auf die durch das Feuer aus dem Schlaf geschreckten Bewohner - ähneln einander.

Polizeiquellen neigen deshalb dazu, eine kleine, aus zwei bis drei Männern bestehende Gruppe von fanatischen Extremisten als potenzielle Täter anzusehen, schrieb die Tageszeitung Népszabadság. Auch die Hypothese, dass hinter dem Verbrechen von Kreditverleihern gedungene Auftragsmörder stehen, wolle man nicht ausschließen. Allerdings liegen die Tatorte Tatárszentgyörgy und Nagycsécs mehr als 200 Kilometer voneinander entfernt: Die meist aus dem Roma-Milieu stammenden Kredithaie, die ihre Opfer oft brutal abzocken, agieren allerdings nur lokal.
Im vergangenen Jahr sind in Ungarn 16 Anschläge auf Roma und ihre Häuser registriert worden, dabei kamen vier Roma ums Leben.
Roma-Vertreter gehen bei den meisten Anschlägen, die oft unaufgeklärt bleiben, von einem rassistischen Hintergrund aus. Liberale Medien und Kommentatoren neigen ebenfalls zu dieser Vermutung. Sie kritisieren ein zunehmend unduldsames, aggressives und minderheitenfeindliches Klima, zu dem die Aufmärsche der rechtsextremen "Ungarischen Garde" ebenso beitrügen wie Hass-Rhetorik der rechten Opposition.

So wich die Erschütterung über den Doppelmord von Tatárszentgyörgy bald einer gewissen Betretenheit und Ratlosigkeit, die die Polarisierung im Land reflektiert. In den rechten Medien, die dem oppositionellen Bund Junger Demokraten (Fidesz) nahestehen, wurde am Mittwoch viel über angebliche "innerethnische" Konflikte bei den Roma spekuliert. Roma-Vertreter, die sich gegen die anfänglichen Vertuschungsversuche der Polizei gewehrt hatten, wurden als "Rassisten" beschimpft: Es handle sich bei ihnen um "Ungarn-Hasser". (Gregor Mayer aus Budapest/DER STANDARD, Printausgabe, 26.2.2009)

  • Die Polizei beachtete Spuren am Tatort vorerst nicht.
    foto: epa

    Die Polizei beachtete Spuren am Tatort vorerst nicht.

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