Der Kampf gegen Plastikgitarren

25. Februar 2009, 12:05
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Spiele wie Guitar Hero und Rockband spülen Milliarden in die Kassen der Hersteller - Plattenlabels haben wenig davon

Das Ausmaß des Erfolges von Musikspielen auf Konsolen hätte noch vor wenigen Jahren niemand zu prognostizieren gewagt. Was mit SingStar für die PS2 startete, wuchs mit Titeln wie Guitar Hero und Rock Band zu einer eigenen kleinen Industrie: In den vergangenen drei Jahren spielten Millionen Menschen weltweit auf Plastikgitarren, Billig-Mikrofonen und Pseudo-Schlagzeugen zur Musik ihrer Lieblingsbands mehr als 2,3 Milliarden US-Dollar in die Kassen der Hersteller.

Für die strauchelnde Musikindustrie, die über das CD-Sterben klagt, sollte die Zusammenarbeit mit Studios wie EA, MTV Games, Activision, SCEE und Co. aus der virtuellen Traumfabrik eigentlich ein Segen sein. Falsch gedacht, besagt zumindest ein aktueller Beitrag im Wired Magazine.

Kleine Gebühren

"Die Einnahmen für die Musikindustrie sind bei weiten zu gering, obwohl diese Spiele komplett abhängig sind von den Inhalten, die wir besitzen und kontrollieren", meinte Warner Music Group-Geschäftsführer Edgar Bronfman vergangenen Sommer. Sollten die Hersteller künftig nicht höhere Abgaben leisten, würde man keine Inhalte mehr für Musikspiele lizenzieren.

Als Reaktion darauf boykottiert der Rock Band-Herausgeber MTV Games jetzt Künstler des weltgrösten Plattenlabels, heißt es aus Insiderkreisen.

Gutes Argument

Doch wer abermals eine irregeleitete Stimme der Musikindustrie vermutet, könnte sich täuschen. Denn Bronfman hat ein schlagendes Argument: Die allgemein üblichen Lizenzgebühren für einschlägige Musikspiele sind vergleichsweise niedrig und basieren auf dem Standpunkt, wonach hierbei die lizenzierten Lieder nur im Hintergrund laufen und nur die Grundlage für das spielerische Musizieren bilden. 

Im Gegensatz dazu verdient die NFL beispielsweise 30 Prozent an jedem lizenzierten Football-Spiel für PC und Konsole - der Ärger mag daher berechtigt sein.

Chance

Auf den eigenen Positionen zu verharren würde auf Dauer allerdings niemandem zugute kommen. Die Musikindustrie würde einen veritablen Markt verlieren, der mittlerweile bewiesen hat, dass er alte Künstler hochleben und neue Sternchen berühmt machen kann. Und die Spielehersteller können auf die Inhalte nicht verzichten. Gegen Cover-Versionen sprechen zwei Dinge: Einerseits könnte die Musikindustrie die Lizenzierung dafür verweigern und zum anderen wären Anpreisungen mit den Stars nicht mehr möglich.

Als eines der Pioniere des Genres hat SingStar mit zahlreichen lokalisierten Editionen nicht zuletzt gezeigt, dass auch weniger bekannte heimische Künstler von Musikspielen profitieren können. Ob "Türkisch Party" oder "Austro-Pop" - Karaoke und Plastikgitarren darf die Musikindustrie in jedem Fall nicht verachten. Dank Online-Stores auf den Konsolen ist die Verbreitung und das Song-Shopping heutzutage noch dazu leichter denn je.

Potenzial

Wie wichtig die reibungslose Zusammenarbeit für beide Seiten ist, verdeutlicht unter anderem Guitar Hero: Aerosmith. Mit der Sonderedition des Musikspiels spielte die Band mehr ein, als mit jeder Single-Auskoppelung zuvor. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 25.2.2009)

  • Guitar Hero: Aerosmith - erfolgreicher als jede Single der Rockband.
    foto: hersteller

    Guitar Hero: Aerosmith - erfolgreicher als jede Single der Rockband.

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