Verflixt und zugetafelt

26. Februar 2009, 11:04
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Die Diskussion um zweisprachige Ortstafeln verdeckt den Blick auf andere Probleme der Kärntner Slowenen / Koroški Slovenci - Von Tanja Malle

Der Volksgruppe machen vor allem Schwierigkeiten im Bereich der frühkindlichen Spracherziehung, Brain Drain und Fragen der nachhaltigen Kultur- und Jugendförderung zu schaffen.

Frühkindliche Spracherziehung

Neben dem Gedenken an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist die slowenische Sprache der identitätsstiftende Faktor für die Volksgruppe der Kärntner Slowenen / Koroški Slovenci. Doch ausgerechnet im Bereich der frühkindlichen Spracherziehung hakt es. So wurde von der Hirnforschung zwar nachgewiesen, dass das Fundament für eine erfolgreiche bilinguale Erziehung unbedingt noch vor dem Grundschulalter gelegt werden soll, doch die öffentlichen und privaten zweisprachigen Kindergärten in Kärnten / Koroška können dieser Verantwortung nicht immer ausreichend gerecht werden. Die Probleme sind unterschiedlicher Natur:

  • In Kindergärten, in denen das Slowenische gleichberechtigt zum Deutschen eingesetzt wird, sind freie Plätze Mangelware. So musste der private zweisprachige Kindergarten Sonce in Klagenfurt / Celovec in den letzten Jahren stets rund die Hälfte der angemeldeten Kinder abweisen. Es fehlen die finanziellen Mittel, um das Angebot zu erweitern.
  • In manch anderem – ebenfalls als zwei- bzw. dreisprachig (mit Italienisch oder Englisch) beworbenen – Kindergarten nimmt das Slowenische die Rolle eines Alibi-Angebotes ein. In Extremfällen geht die Slowenisch-Förderung nicht über das wöchentliche Singen von slowenischen Liedern hinaus. Woanders, etwa im öffentlichen Kindergarten in Feistritz im Rosental / Bistrica v Rožu, sind – mit Ausnahme von einem – zwar alle Kinder zur Slowenisch-Förderung angemeldet, doch ein beträchtlicher Anteil der Eltern bezeichnet die sprachlichen Fortschritte der Kinder als äußerst mangelhaft. Eine Qualitätsoffensive mithilfe von externen Experten für die Didaktik der bilingualen Erziehung in Kindergärten wird von den verantwortlichen politischen Stellen abgelehnt. Deren Befürchtung – so Kenner – lautet: Zu viel Präsenz des Slowenischen in öffentlichen Institutionen kann Wählerstimmen kosten, oder – auf Gemeindeebene – gar die Partei spalten, so geschehen bei den Sozialdemokraten in Ludmannsdorf / Bilčovs.
  • Fort- und Weiterbildung sind für Kindergarten-PädagogInnen nicht verpflichtend bzw. werden kaum angeboten, obwohl sich in den vergangenen Jahren vieles getan hat, was moderne didaktische Konzepte zur Förderung von Zweisprachigkeit betrifft. Die momentan in vielen zweisprachigen Kindergärten gängigen pädagogischen Modelle werden von Experten als überholt bzw. unzureichend charakterisiert.
  • Zum erfolgreichen Spracherwerb sollten Kinder auch außerhalb von Kindergarten und Familie mit Zweisprachigkeit in Berührung kommen. Dazu gehört, dass das Slowenische im öffentlichen Raum hör- und sichtbar sein muss. Wenn, wie in St. Jakob im Rosental / Šent Jakob v Rožu, die Volksschule einfach gar nicht beschriftet wird, um unter die Aufschrift "Schule" nicht auch das slowenische "Šola" setzen zu müssen, geht diese Verunglimpfung des Slowenischen an den Kindern nicht spurlos vorüber und verunsichert sie stark.

Brain Drain

Binnen einer Generation schafften die Kärntner Slowenen / Koroški Slovenci den Wandel von einer agrarisch dominierten in eine sozial differenzierte Volksgruppe, mit – im Vergleich zur Kärntner Mehrheitsbevölkerung – überdurchschnittlichem Akademikeranteil. Doch im Gegensatz zu einst, ist heute für junge Kärntner Slowenen, die ihr Studium in Graz, Wien oder Ljubljana abgeschlossen haben, eine Rückkehr keine Option. Grund dafür ist nicht allein die wirtschaftliche Situation des Bundeslandes, es fehlt auch an Anreizen, die seitens der Volksgruppe gesetzt werden (hätten) können, um den Nachwuchs zu halten bzw. zurück zu holen. Mit der Emigration verlieren Kärntner Slowenen jegliche Möglichkeit, Minderheitenrechte – wie etwa das, auf zweisprachige Schulbildung ihrer Kinder – in Anspruch zu nehmen. Das gilt auch für jene Volksgruppenmitglieder, die aus der Kärntner Peripherie in Städte wie Villach / Beljak oder St. Veit / Šent Vid abwandern. Dort sind die Volksschulen nicht dazu verpflichtet, Slowenisch-Unterricht anzubieten. Ein weiteres Recht, das dabei abhanden kommt, ist die Möglichkeit, Slowenisch als Amtssprache zu benutzen.

Jugendförderung und kritische Denkkultur

Keine Frage: Die engagierte Kinder- und Jugendtheaterszene in Kärnten / Koroška, wie auch die zahlreichen Kinder- und Jugendchöre, spielen bei der Vermittlung von Sprachkompetenzen und Selbstvertrauen eine wichtige Rolle. Doch eigenständige Initiativen der ab 15- bzw. ab 18-jährigen finden selbst innerhalb der Volksgruppe nur wenig Unterstützung. Schwer gemacht wird es vor allem dem slowenischen Schülerverband / Koroška dijaška zveza, der in den 1990ern mit ungewöhnlichen Aktionen auf sich, wie auch auf interne Volksgruppenprobleme aufmerksam machte und den bis heute existenten Volksgruppenpolitiker – Fossilien nicht brav die Stange hielt.

Auch der kürzlich wieder errichtete Klub Slowenischer StudentenInnen / Klub Slovenskih Študentk in Študentov in Klagenfurt / Celovec hat mit unangebrachtem Widerstand zu kämpfen. So musste die Veranstaltungszahl im – von den Studenten selbst ausgehobenen – Klubkeller auf großen Druck seitens der Unterschlupf gewährenden Slowenenorganisation drastisch reduziert werden. Offiziell heißt es, die StudentInnen seien zu laut gewesen. Vielmehr aber scheint es so, als würde man – seit beim direkten politischen Gegenüber den Konsens gesucht wird – das Erwachen einer kritischen, lautstarken und aufmüpfigen Studentenkultur fürchten. Ganz allgemein gilt: Innerhalb der Volksgruppe finden junge Stimmen – sei es aus Kärnten, Graz oder Wien – kaum Gehör oder werden nur milde belächelt. Die Folgen der Misere: Es geht nicht nur ungemein viel Potential verloren, es werden auch weiterhin eine längst fällige, kritische Selbstreflexion, wie auch eine Diskussion über die Zukunft der Volksgruppe, verschleppt.

Übrigens: Der Österreichische Staatsvertrag ist kein Verhandlungspapier und sollte schleunigst umgesetzt werden. Insbesondere Abs. 5 des Artikels 7. In diesem verpflichtet sich Österreich dazu, Organisationen zu verbieten, die darauf abzielen, der slowenischen Bevölkerung ihre Eigenschaften und ihre Rechte als Minderheit zu nehmen. (Tanja Malle, derStandard.at, 26.2.2009)

Zur Person

Tanja Malle (26) ist Kärntner Slowenin / Koroška Slovenka. Vor acht Jahren Landflucht nach Wien, von wo sie immer wieder von Entwicklungen in Kärnten / Koroška Heim geholt wird. (Die Ö1- Wissenschaftsjournalistin ist in ihrer Freizeit begeisterte KSŠŠD-Geherin.)

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