Obama trotzt der Krise: "Wir werden stärker sein"

25. Februar 2009, 18:58
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"USA werden stärker sein als zuvor" - US-Präsident pocht auf Gesundheitsreform und kündigt "Neue Ära" der Diplomatie an - mit Videos

Die Außenpolitik spielte nicht einmal eine Nebenrolle in Barack Obamas erster Rede zur Lage der Nation vor beiden Häusern des US-Kongresses. In der Wirtschaftskrise zähle das Gemeinwohl, sagte der Präsident.

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Manchmal genügt ein Blick auf die Ehrenloge, um zu erfassen, was der Präsident seiner Nation ans Herz legen will. Nach altem Brauch sitzen oben in der Parlamentsgalerie zwei Dutzend handverlesene Gäste, die alle etwas symbolisieren sollen, idealerweise den Zeitgeist oder eine heroische Tat. Barack Obama hat neben anderen einen großzügigen Banker und eine beherzte Schülerin dort oben platzieren lassen.

 

Der Banker, Leonard Abess von der City National of Florida, kassierte 60 Millionen Dollar an Aktienerlösen, als er seine Anteile dem neuen Eigentümer verkaufte, der spanischen Caja Madrid. Das ist es natürlich nicht, was Obama hervorheben will. Er erzählt, was hinterher mit dem Geld passierte. Abess hat es mit 399 Angestellten und 72 Pensionisten geteilt und zur Begründung gesagt, er könne nicht anders, einige kenne er schon seit seinem siebten Lebensjahr. Obama sieht in der noblen Geste den neuen Teamgeist, den Amerika so dringend brauche. Der Saal feiert den verlegenen Graubart oben auf dem Balkon mit dröhnendem Applaus, dann ist Ty'Sheoma Bethea an der Reihe.

Ein Lob vom Präsidenten

Das schwarze Mädchen aus South Carolina hatte es satt, dass jedes Mal, wenn auf den Gleisen hinter ihrer Schule ein Zug vorbeirumpelte, der Unterricht unterbrochen werden musste, weil man drinnen kein Wort mehr verstand. Sie schrieb einen Protestbrief an den Kongress. Sie werde kämpfen, dranbleiben "wir sind schließlich keine Versager". Richtig so, lobt der Präsident und wiederholt Ty'Sheomas Worte, nur dass er sie diesmal auf über 300 Millionen Landsleute ummünzt. "Wir sind schließlich keine Versager."

Nicht aufgeben, die Krise durchstehen und sich aufs Gemeinwohl besinnen - das ist der Kern seiner Botschaft. Vor zwei Wochen noch hatte Obama selber so pessimistisch geklungen, dass ihm Kritiker vorwarfen, er rede die Depression ja förmlich herbei. Damals wollte er sein Konjunkturpaket rasch durchs Parlament bringen, stieß auf den Widerstand der Konservativen und warnte wie eine Kassandra, wer so ein wichtiges Gesetz blockiere, der riskiere eine nationale Katastrophe. So düster will er es nicht wiederholen. "Sie brauchen nicht noch eine Statistik zu hören, um zu wissen, dass unsere Wirtschaft in der Krise steckt. Sie erleben es ja jeden Tag", sagt er gleich zu Beginn. "Aber wir werden wiederaufbauen, wir werden uns erholen, und die Vereinigten Staaten werden stärker als zuvor (aus der Rezession) auftauchen."

Da ist er wieder, der trotzige Optimist des Wahlkampfs. Obama habe die Angstkarte wieder im Ärmel verschwinden lassen, heißt es danach in den Kommentaren. Er habe Bill Clintons Mahnung beherzigt, wonach der erste Mann im Staate zwar nie naiv klingen darf, den Blick aber stets nach vorn richten muss.

Niemand beschuldigt ihn deswegen romantischer Träumereien - um seine Popularität braucht er sich ohnehin keine Sorgen zu machen. Man sieht es daran, wie der Ex-Senator gefeiert wird, als er durch den Mittelgang des Repräsentantenhauses zum flaggengeschmückten Podium läuft. Sechs Minuten braucht Obama für die kurze Strecke, von links und rechts drängen sie in die Mitte, klopfen ihm auf die Schulter, umarmen ihn, Republikaner genauso wie die Demokraten. Auch das ist ein einstudiertes Ritual, so will es das Protokoll, wenn der Präsident die Lage der Nation skizziert und die Politik ausnahmsweise keine Parteien kennt, sondern nur Jubel. Bei George W. Bush hatte das Bad in der Menge zuletzt nur noch quälend gewirkt, bei Obama wirkt es echt, obwohl dies streng genommen gar keine "State of the Union Address" ist, dazu ist der Neue erst zu kurz im Amt.

Alles Nebensache. Die Hauptsache ist, dass er flatternde Nerven beruhigt. Die Außenpolitik, sonst immer ein Schwerpunkt, spielt nicht einmal eine Nebenrolle. Es geht allein um die Wirtschaftsmalaise. Um die Misere zu überwinden, müssten neue Kredite fließen, und zu diesem Zweck werde der Staat der Wall Street weiter unter die Arme greifen. "Aber dieses Mal werden Vorstandschefs kein Steuergeld verwenden können, um ihr Gehalt aufzubessern, teure Gardinen zu kaufen oder sich in Privatjets davonzustehlen. Diese Tage sind vorbei", betont Obama. Sagt's und schaut nach oben, wo Leonard Abess sitzt, der anständige Banker, für ein paar Stunden die neue Symbolfigur. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 26.2.2009)

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    Gefeierter Präsident: Obama verabschiedet sich von seinen Zuhörern im Kapitol nach der ersten Rede zur Lage der Nation.

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