Wundersame Schildkrötenreisen

24. Februar 2009, 19:26
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Lederschildkröten wandern tausende Kilometer und tauchen bis in die Tiefsee hinab - warum sie das tun, haben Forscher nun untersucht

Die Küste Französisch-Guayanas im Juni: Tagsüber präsentiert sich der Strand von Awala-Yalimapo als Tropenidylle. Nachts kriechen riesige blaugraue Wesen aus der Brandung an Land und wuchten sich zielstrebig vorwärts. Es sind weibliche Lederschildkröten (D. coriacea), mehrere hundert Kilo schwer. Der Küstenabschnitt dient als ihre Brutstätte. Mit ihren Fluken graben die Tiere Gruben, legen 80 bis 120 Eier darin ab, schaufeln alles wieder zu und schleppen sich anschließend zurück ins Meer. Bis zu achtmal pro Brutsaison wiederholen die Weibchen diese Prozedur.

Die Lederschildkröte ist das am weitesten verbreitete Reptil unserer Erde. Man findet sie in fast allen Meeresgebieten, mit Ausnahme der Polargegenden. "Sie pflanzen sich in den Tropen fort, sind aber an das Leben in kühleren Klimazonen angepasst", sagt der Meeresbiologe Peter Dutton vom Southwest Fisheries Science Center in La Jolla, Kalifornien, im Gespräch mit dem Standard.

Die bis zu 900 Kilogramm schweren Riesen leben nämlich nicht wie normale Kaltblüter. Denn sie sind in der Lage, auch in kaltem Wasser (unter zehn Grad Celsius) eine Körpertemperatur von mehr als 20 Grad Celsius aufrechtzuerhalten. Grund dafür ist ein Zusammenspiel zwischen verschiedenen physiologischen und anatomischen Besonderheiten wie einer dämmenden Fettschicht und Regulierung der Blutzufuhr im peripheren Körperbereich sowie die schiere Körpergröße, welche die Abkühlungsrate im Inneren verringert. Fachleute bezeichnen dies als Gigantothermie. So kann sie in Bereiche vordringen, wo sonst kein Reptil überleben würde.

Unterwegs Fett ansetzen

Lederschildkröten tauchen gelegentlich extrem tief. Tausend Meter und mehr - und bleiben gut eine Stunde unter Wasser. Ein britisch-irisches Forschungsteam hat dieses Verhalten mittels spezieller Computersonden genauer untersucht. Die Messgeräte wurden an insgesamt 13 Exemplaren befestigt und mit auf die Reise geschickt. Ihre Daten funkten die Sonden an Satelliten. So konnten die Wissenschafter nicht nur die Wanderungen verfolgen, sondern erfuhren auch, wann, wie lange und wie tief die Tiere tauchten, und welche Temperatur das Meerwasser hatte. Das Ergebnis der Studie wurde neulich im Journal of Experimental Biology veröffentlicht (Bd. 211, S. 2566).

Die Messergebnisse gaben Einblick in das Tauchverhalten. Die Lederschildkröten stoßen vor allem um die Mittagszeit in größere Tiefen vor, meistens in Perioden, in denen sie größere Strecken zurücklegen. Die Forscher schließen daraus, dass sie dort unten nach Quallen suchen. Diese führen im Ozean täglich vertikale Wanderbewegungen durch. Morgens lassen sie sich absinken, abends steigen sie auf. Wandernde Lederschildkröten würden demnach die hellste Tageszeit nützen, um mögliche Quallenvorkommen zu erkunden. Finden sie ein solches, dann müssen sie nur noch "oben" warten, bis das Abendessen hinaufkommt. Viele Lederschildkröten schlagen auf ihren Wanderungen einen nördlichen Kurs ein und erreichen die Ostküste Kanadas oder die Britischen Inseln. Diese kühleren, planktonreichen Gewässer bieten im Sommer und Frühherbst einen üppig gedeckten Tisch. Und das brauchen die Giganten auch.

Berechnungen nach müsste eine erwachsene Lederschildkröte pro Tag etwa 200 Kilogramm kalorienarmer Quallen verspeisen, erklärt Jonathan Houghton von der Queen's University in Belfast, Erstautor der obengenannten Studie. "Wenn sie also auf einen Quallenschwarm stoßen, fressen sie unaufhörlich." Nur so können die Weibchen Energie für die nächste Brutsaison tanken. Lederschildkröten pflanzen sich nur alle zwei bis drei Jahre fort. Sie brauchen eben viel Zeit, um auf ihren langen Reisen genug Fett anzusetzen. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. Februar 2009)

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    Dringt in Bereiche vor, in denen sonst kein Reptil überleben würde: die Lederschildkröte.

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