Antirumänische "Apartheid" in Italien

24. Februar 2009, 19:05
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Roma werden aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit gebracht und in Lager gezwungen

Rom - In Italien wächst die Stimmung gegen rumänische Einwanderer: Fackelzüge, Bürgerwehren, Aufrufe zur Selbstjustiz, Lynchversuche, rassistische Slogans - eine Pogromstimmung, die von Medien und Parteien wie der Lega Nord systematisch angeheizt wird. Nach einer Vergewaltigung wurden in Roms Außenbezirken rumänische Geschäfte angezündet.

Viele, aber nicht alle Rumänen sind Roma. Und die sollen aus dem Stadtbild verschwinden. Zwischen Roma und Rumänen wird da nicht immer differenziert. Vor allem Roms Bürgermeister Gianni Alemanno zieht die Schraube gegen die Zigeuner an. Auch gut integrierte Roma-Sippen wie jene im Stadtteil Testaccio, die in Wohnwagen am Tiberufer lebten, wurden "umgesiedelt": Die Polizei eskortierte sie an den Stadtrand, wo sie ihre Wohnwagen an einer Umfahrungsstraße abstellen konnten - ohne Wasser und Stromanschluss.

"Wir sind Italiener in dritter Generation", klagt Aldo Udorovic. "Wir stehlen nicht, wir verdienen redlich unseren Unterhalt, unsere Kinder besuchen die Schule. Da wir einen anderen Lebensstil pflegen, behandelt man uns wie Bürger vierter Klasse."

Abschiebungsversprechen

Weil Alemanno sein Wahlversprechen nicht halten konnte, "mindestens 5000 Roma nach Rumänien abzuschieben", verfolgt er nun ein Ziel: Roma sollen den Blicken der Bürger entzogen und an den Stadtrand gedrängt werden.

Die Folge: Lager wie jenes von Castel Romano, in denen über 800 registrierte Roma leben, sind mittlerweile völlig isoliert.

In den Containern des staubigen Lagers ist es im Winter kalt und im Sommer unerträglich heiß. Um Proteste der Eltern in der Umgebung zu vermeiden, bringen Busse die Roma-Kinder täglich in acht verschiedene Schulen. Die letzten kommen fast zwei Stunden nach Unterrichtsbeginn in ihre Klassen. Die katholische Comunità di Sant' Egidio wirft der Regierung deshalb mittlerweile "Apartheid" vor: "Die Vorstellung, Menschen auf Lebenszeit in Lager zu verbannen, ist absurd", erregt sich deren Sprecher Paolo Ciani.

Doch Wohnungen bleiben für Italiens Roma ein unerfüllbarer Traum. Als die Gemeinde Venedig auf dem Festland bei Mestre für 40 italienische Sinti-Familien eine kleine Siedlung errichtete, blockierten Lega-Anhänger den Bauplatz und sammelten Unterschriften gegen das bereits 1997 genehmigte Projekt. Dass die Sinti bereits seit 40 Jahren dort lebten, war den Demonstranten nie aufgefallen. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2009)

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