Ein Preis als Feigenblatt

2. März 2009, 20:27
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Wie so oft in Österreich, ist die Wirklichkeit besser als die Politik - Von Barbara Coudenhove-Kalergi

Am Vorabend des internationalen Frauentages wird in Wien der sogenannte MIA-Award, ein Anerkennungspreis für erfolgreiche Migrantinnen, verliehen. Geld gibt es für die Ausgezeichneten keins, nur ein Bild, einen Wochenend-Reisegutschein und einen warmen Händedruck von der Staatssekretärin Christine Marek, die, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, auch Integrationsbeauftragte der ÖVP ist. Sie hatte auch die Idee für den Preis, den ein unabhängiger Verein auslobt. Eine gut gemeinte Sache.

Wenn man positiv denkt, könnte man sagen: ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn man nicht so positiv denkt und, wie ich, von der österreichischen Ausländerpolitik angewidert ist, könnte man sagen: ein Feigenblatt. Denn die wirkliche Kompetenz für Integrationsfragen hat nicht die nette Frau Marek, sondern die weniger nette Frau Fekter, ihres Zeichens Innenministerin. Diese hat sich neulich in der Presse mit dem Satz vernehmen lassen: "In manchen Ethnien steigt die kriminelle Energie auf bis zu zehn Prozent." Auf gut deutsch: In manchen Völkern ist jeder Zehnte ein geborener Verbrecher. Viel rassistischer geht's nimmer.

Abschottungstendenzen gegenüber Zuwanderern gibt es im Gefolge der Wirtschaftskrise neuerdings überall. Gleichzeitig steigt aber auch die Globalisierung der Talente. Spitzenleistungen auf allen möglichen Gebieten werden zunehmend nicht nur von Einheimischen erbracht, sondern immer häufiger von Zugewanderten. Den Booker Preis, das britische Äquivalent des Literaturnobelpreises, gewann diesmal der gebürtige Inder Aravind Adiga für seinen Roman "The White Tiger", eine erschütternde Geschichte über Armut, Ausbeutung und Aufstieg. Er befindet sich damit in der Gesellschaft seiner Landsleute Salman Rushdie und des Nobelpreisträger V. S. Naipaul. Bei den Nobelpreisträgern für die Naturwissenschaften haben wir uns längst an chinesische und vietnamesische Namen gewöhnt.

Und auch in Österreich machen Zuwanderer zunehmend von sich reden, und zwar außerhalb der Polizeiberichte. Der gebürtige Pole Radek Knapp und der gebürtige Bulgare Dimitré Dinev haben sich in den letzten Jahren in die vorderste Liga der jungen österreichischen Literatur geschrieben. Der gebürtige Iraner Arash T. Riahi räumt derzeit mit seinem wunderschönen Film Ein Augenblick Freiheit einen Preis nach dem anderen ab. Und das naturwissenschaftliche Exzellenzzentrum in Gugging rekrutiert seine Top-Forscher aus aller Herren Länder.

Wie so oft in Österreich, ist die Wirklichkeit besser als die Politik. Wir täten gut daran, nicht wie gebannt auf nigerianische Drogendealer und rumänische Einbrecher zu starren, sondern auch auf die vielen anderen, die von auswärts gekommen sind. In seinen besten Zeiten war Wien immer ein Schmelztiegel. Die großen Namen des Goldenen Zeitalters um 1900 kamen überwiegend von auswärts, von Freud bis Mahler, von Joseph Roth bis Karl Kraus. Und auch jetzt birgt die Stadt ein großes Reservoir von Talenten. Wir müssten ihnen nur die Chance geben, sich zu entfalten, statt ihnen Prügel vor die Füße zu werfen. Ein symbolischer Preis wie der MIA-Award ist besser als nichts. Aber bei weitem nicht genug. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2009)

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