Kapital sucht Firma

24. Februar 2009, 16:05
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Den so genannten Heuschrecken sind die Jagdgelüste nicht vergangen, als Alternative zum Kredit wird Beteiligungskapital gerade jetzt als Chance gesehen

"Das Aufstellen von neuem Kapital ist schon schwieriger, weil 60 Prozent davon in Österreich von Banken kommt", sagt Jürgen Marchart: "Aber da gibt es noch das Geld, das die Fonds bereits haben, der Bestand macht eine Milliarde." Im vergangenen Jahr hat die heimische Private Equity und Venture Capital-Branche noch recht bange in die Zukunft geschaut. Eine endgültige Bilanz zu ziehen, sei derzeit zu früh: "Wir sind gerade dabei die Zahlen für 2008 zu erheben", so der Geschäftsführer der Private Equity (PE) und Venture Capital-Branchenvereinigung AVCO.

Wer nun meint, die Heuschrecke müsse mit der Finanzkrise verhungern, der irrt. Ein bisschen über die Grenze geschaut, klingt die Branche gut gestimmt und nutzt die Gunst der Stunde: Man hält in der Wirtschaftskrise nach günstigen Kaufgelegenheiten Ausschau. Zurzeit sähen sich die Private-Equity-Häuser nach interessanten Investitionsmöglichkeiten um, sagte das Vorstandsmitglied des deutschen Branchenverbandes BVK, Hanns Ostmeier dieser Tage in Berlin. Manche Zielunternehmen könnten heute zu einem Drittel ihres Wertes von vor zwei Jahren übernommen werden: "Die Erfahrung zeigt, Krisenjahre waren keine schlechten Jahre."

Alternative zum Kredit

Auch AVCO-Mann Machart schätzt die Lage derzeit nicht nur negativ ein und hat dazu ein weiteres gewichtiges Argument an der Hand: "Nachdem die Banken jetzt - auch wenn sie es nicht zugeben - restriktiver bei der Kreditvergabe sind, könnten die Investitionen noch steigen." Schaden würde es der Branche vermutlich nicht, ist sie in Österreich doch immer noch einigermaßen unterbelichtet. EU-weit liegt Österreich in Sachen Beteiligungskapital aus privater Hand an zweitletzter Stelle.

Venture Capital kam in Europa erst seit den 80er Jahren in Schwung. Echte Bedeutung kam ihm seit Mitte der 90er Jahre zu. In Österreich war ab 1997 eine rasante Entwicklung zu beobachten. In diesem Jahr wurden bereits 61 Millionen an Mitteln für Beteiligungsinvestitionen aufgebracht und 19 Millionen investiert. In nur vier Jahren stiegen die Volumina bei den aufgebrachten Mitteln um das Vierfache und bei den Investitionen fast um das Neunfache.

Pro und Contra

Über das Wirken der Kapitalgeber herrscht durchaus geteilte Meinung. Private-Equity- oder Venture-Capital-Fonds investieren oft Geld, das etwa aus Lebensversicherungen oder Pensionsfonds kommt. Dahinter stehen zum einen private Sparer, die sich eine langfristige Rendite wünschen - und auch vermögende Investoren, die ihr Geld vermehren wollen. Private Equity ist umgekehrt für Unternehmen eine Finanzierungsalternative zum Kredit. Gerade für jene, die von der Bank keinen Kredit bekommen würden. Manch Jungunternehmer etwa kann und konnte seine Geschäftsidee nur mit Hilfe von Venture Capital (Risikokapital) umsetzen, eine Form des Private Equity wo die Investoren Geld in Unternehmen stecken, die ganz am Anfang stehen. Das Risiko ist damit sehr groß, die Chance, Gewinne zu machen auch.

Während eine (ältere) Studie des Wifo zeigte, dass Unternehmen, die Private Equity finanziert sind, um 70 Prozent mehr Umsatz machen und um 50 Prozent mehr Beschäftigung schaffen, als andere, klagen Kritiker, dass viele große Private-Equity-Investoren Unternehmen auspressen wie eine Zitrone. Unternehmen würden zerschlagen und dienten ohne Rücksicht auf Belegschaft und Weiterentwicklung des Unternehmens durch den Weiterverkauf der Beteiligungen der raschen Gewinnmaximierung. So kam es übrigens, dass "die Heuschrecke" - eingeführt vom deutschen SPD-Politiker Franz Müntefering 2005 - Einzug in die Investorenwelt hielt.

Wer hat, der hat

Die öffentliche Diskussion über die Heuschrecken ist schon lange jener über die Krise gewichen. Jürgen Wahl von Gamma Capital Partners (GCP) schlägt, was die Zuversicht für die Branche betrifft, in die selbe Kerbe wie Jürgen Machart: "Unternehmen, die investieren wollen beziehungsweise müssen, prüfen verstärkt Alternativen zur klassischen Kreditfinanzierung." Was den Zugang zu Private Equity und Venture Capital betreffe, so müsse man unterscheiden: Jene Investmentfirmen, die rechtzeitig Geld geraist haben und liquid sind. "Hier ist der Zugang zumindestens gleich gut wie noch vor einem halben Jahr." Investmentfirmen, die nicht liquid und am Einsammeln von Geld seien, hätten "sicherlich relativ schwere Zeiten, da sowohl Banken als auch institutionelle Investoren derzeit ihr Kapital zur Sicherung der eigenen Liquidität horten."

Gerade beim Kapitalaufstellen sei die Branche nicht ganz unerheblich. Laut Wahl liegt der Energiesektor "und da speziell Investitionen in erneuerbare Energieträger und deren Zuliefertechnologien wesentlich besser als andere Branchen (Fahrzeugbau, Bauwirtschaft, etc.)". Zu erklären sei dies durch "ein starkes internationales Commitment der internationalen Staatengemeinschaft zum Klimaschutz". Auch der neue Präsident der Vereinigten Staaten hat hier seine Finger im weitesten Sinne im Spiel, glaubt man doch daran, dass die Amerikaner sich nun national wie international wesentlich stärker dem Thema widmen werden als in der Vergangenheit.

Rechtliche Rahmenbedingungen ungelöst

Gebremst fühlt man sich in der Branche nach wie vor durch die rechtlichen Rahmenbedingungen. Diese seien weiterhin ungelöst, sagt Jürgen Machart. Lange wurde die Industrie vom Mittelstandsfinanzierungsgesetz geregelt, das 2007 auslief und von einer Übergangslösung abgelöst wurde. Selbige hatte branchenintern nicht viele Freunde, gab es doch Auflagen, wie etwa, dass pro Jahr pro Unternehmen nur eineinhalb Millionen Euro angelegt werden durften oder dass nur in EU-Fördergebieten investiert werden durfte. Eine neue Regelung ist derzeit in Begutachtung, "da gibt es noch Optimierungsbedarf", so Machart. Solange die Lage für Investoren nicht geklärt sei, werden selbige zumindest nicht unmittelbar angezogen, glaubt er: "Das ist schade, weil die eine Milliarde, die man in die heimischen KMU investieren könnte, stecken fest. Kapital ist mobil, dann geht es eben nach Tschechien oder Liechtenstein." (Regina Bruckner)

 

Wissen: Ein Private-Equity-Investor (privates Beteiligungskapital) ist meist ein Fonds oder eine Gesellschaft, kann aber auch eine Privatperson sein. Sein Geschäft ist es, sich an einem Unternehmen zu beteiligen, es zu sanieren oder aufzubauen, mit dem Ziel, die Beteiligung zu einem späteren Zeitpunkt gewinnbringend zu verkaufen - entweder über die Börse, an andere Eigentümer, ein anderes Unternehmen oder einen anderen Investor.  Eine Form des Private Equity ist Venture Capital, oder Risikokapital. Dabei handelt es sich um Investionen in Unternehmen, die ganz am Anfang stehen, wo also das Risiko groß ist, aber auch die Chance, Gewinne zu machen. (red)

 

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    "Die Heuschrecke" wurde 2005 vom deutschen SPD-Politiker Franz Müntefering in die Investorenwelt eingeführt. Über ihr Wirken ist man geteilter Meinung.

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