Verrottungsprämie

24. Februar 2009, 14:50
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Die Steinmetze bangen um ihr Geschäft, der Staat ist gefordert - Eine Glosse

Bekanntlich leben wir in einer Zeit der Provisorien, der Abänderungsanträge und der Übergangslösungen. In Stein gemeißelt wird heute kaum noch was.

Kein Wunder, dass den Steinmetzen nichts übrig bleibt, als ihr Kerngeschäft mit Hammer und Meißel zu verteidigen. Dieses schlummert sozusagen naturgemäß auf den Friedhöfen dieser Republik, und es wird gerade massiv bedroht. Just in der anhaltenden Wirtschaftskrise nämlich sehen sich die Steinmetze mit mehr Wettbewerb konfrontiert, als ihnen lieb ist. Viel zu billige, weil "meist mangelhaft arbeitende" Konkurrenz aus östlichen Nachbarländern macht den Männern und Frauen mit dem an sich todsicheren Geschäftsmodell das Leben zur Hölle.

Die billigen Grabsteine hätten oft nicht die laut ÖNORM geforderte Mindeststärke von zehn Zentimetern, sondern nur sieben, und "manchmal werden Grabsteine sogar ohne Fundament aufgestellt", weiß Bundesinnungsmeister Rudolf Wunsch über die Raffinessen der billigen Konkurrenz Bescheid. Dies alles stellt ein großes Sicherheitsrisiko auf den Friedhöfen dar. Für die Besucher, selbstverständlich.

Als wäre das nicht schon genug der Prüfung für die Metze, treten jetzt auch noch feige Mitbe-Werber auf, die jegliches Pietätsgefühl regelrecht begraben haben und mit Visitenkarten auf Grablichtern und sogar ganzen Plakaten auf Friedhöfen für ihre Dienste hammermäßig Reklame betreiben. Eine solche Werbung sei aber "eines ordentlichen Steinmetzes unwürdig", kündigte der Innungsmeister jetzt eine durch und durch erdige Schwerpunktaktion gegen diese "Unsitte" an. Per 0800-Telefonhotline, auf A3-Plakaten direkt auf den Friedhöfen beworben, sollen wache Friedhofsgänger fortan diese schwarzen Schafe einem Detektiv melden, der eine Klage nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) einleiten und also zum Sargnagel für die dreisten Missetäter werden soll.

Recht so. Nicht auszudenken, wenn die Wirtschaftskrise auch noch die Steinmetze voll erfasst. Sollten die angekündigten Maßnahmen nicht greifen, muss deshalb selbstverständlich und ohne Tabus über staatliche Hilfspakete nachgedacht werden. Personen, die schon länger als zehn Jahre tot sind, könnten mit einem Zuschuss - nennen wir ihn Verrottungsprämie - bedacht werden, sofern sie sich einen neuen Grabstein zulegen. Kurzarbeit auf den Friedhöfen dürfte nicht die gewünschten Resultate bringen, aber bei Notärzten und Spitalspersonal könnte das durchaus Sinn machen. Mit Sondersteuern auf die Notstandshilfe, die gleichzeitig direkt in den Leiharbeiterfonds fließen könnten, würden die Menschen vermehrt zum Sterben angeregt, das steinverarbeitende Gewerbe damit gerettet werden.

Selbstverständlich muss sich auch die Branche selbst an dem Hilfspaket beteiligen. Mit billigen, schlecht ausgeführten Grabsteinen könnte etwa die Todesrate auf Friedhöfen... Kurz: Wer jeden Cent und jeden Halbtoten zweimal umdreht, wenn es um das Überleben der Steinmetze geht, hat den Ernst der Lage nicht erkannt. (Martin Putschögl, derStandard.at, 24.2.2009)

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