Gesuchte wurde am Tag vor ihrem Verschwinden bedroht

24. Februar 2009, 09:41
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Schwester erhebt neue Vorwürfe: Ungarische Polizei ermittelt nicht wegen Mordes, sondern fahndet über Interpol nach dem Opfer

Deie englische Staatsbürgerin und Tierschützerin Eva Rhodes, die im September des Vorjahres in Westungarn spurlos verschwunden ist, wurde einen Tag vor ihrem Verschwinden bedroht. Ihre Schwester, die österreichische Abrüstungsaktivistin Judith Majlath, berichtete am Montag nach wochenlangen Recherchen in Györ und Budapest, dass eine ungarische Journalistin des Senders RTL namens Andrea A. erklärt habe, Eva Rhodes habe ihr in einem Telefonat am Vortag des Verschwindens gesagt, dass sie Angst habe und dass sie bedroht werde. Sie habe die Journalistin um ein Interview ersucht. Andrea A. hatte zuvor mehrfach über das Tierheim von Eva Rhodes nahe Györ berichtet.

Judith Majlath erhob neuerlich schwere Vorwürfe gegen die ungarische Polizei- und Strafverfolgungsbehörden. Die ungarischen Behörden hätten sich nicht nur geweigert, wegen Mordes an ihrer vor über fünf Monaten im Raum Györ verschwundenen Schwester zu ermitteln, sondern würden wegen eines durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte obsolet gewordenen Strafverfahrens einen Interpol-Haftbefehl gegen die Verschwundene betreiben. "Das ist ein Skandal. Sie verfolgen nicht die Spuren, die auf die Ermordung von Eva hindeuten, sie verfolgen über Interpol die Theorie, dass meine Schwester untergetaucht ist", zeigte sich Majlath gegenüber der APA erschüttert.

"Alibi-Suchaktion für die TV-Kameras"

Majlath, die die österreichische Sektion der Internationalen Kampagnen gegen Antipersonenminen sowie gegen Streumunition leitet, kündigte eine Anzeige wegen Mordes gegen unbekannt in Ungarn an, in der alle Hinweise auf ein Gewaltverbrechen nochmals aufgelistet würden. Die Polizei von Györ habe es nach dem Verschwinden ihrer Schwester verabsäumt, Spuren zu sichern. Nach einer "Alibi-Suchaktion für die TV-Kameras" am 9. Oktober habe sie selbst Hundeführer der ungarischen Suchstaffel "Spider" mit Hunden, die auf die Suche nach Leichen dressiert waren, beauftragt, berichtete Majlath. Drei Hunde hätten voneinander unabhängig auf dem Rücksitz des Land Rover Discovery von Eva Rhodes angeschlagen - offenkundig wegen Leichengeruchs. Die Polizei aber habe den Wagen bis heute nicht vollständig untersucht und der Hundeführer sei erst im Februar, also fünf Monate nach dem Verschwinden, befragt worden. "Eine unfassbare Nachlässigkeit", beklagte Majlath.

Die in der Gegend befindlichen Schotterbänke, die für das Verschwindenlassen einer Leiche geeignet wären, wurden bis heute nicht untersucht. Die Suche nach einem jungen Roma, mit dem Eva Rhodes gesehen worden sei und von dem sogar das Foto einer Überwachungskamera existiere, sei nur halbherzig erfolgt. Bis dato gebe es keine Namensliste der Anrufe am Handy von Eva Rhodes.

Verurteilung wegen Polizeitgewalt

Aufklärungsbedürftig findet Majlath auch die Rolle eines ungarischen Polizeibeamten, der bei einer Amtshandlung im Tierheim ihrer Schwester in Böny nahe Györ im Oktober 2002 gegen Eva Rhodes und ihre Tochter gewalttätig geworden sei. Dieser Zwischenfall habe zu einer Verurteilung Ungarns durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg wegen unangemessener Polizeigewalt geführt, betonte Majlath. Derselbe Zwischenfall sei in Ungarn zum Gegenstand einer Anzeige gegen Eva Rhodes gemacht worden, die wenige Tage nach ihrem Verschwinden in Györ hätte verhandelt werden sollen. Die ungarischen Behörden werfen Rhodes vor, ihrerseits Gewalt gegen den Polizisten angewandt zu haben. "Die haben den Spieß umgedreht. Die wollen Eva gar nicht finden", sagte Majlath dazu. Der Polizist wurde nach Angaben der Polizei in Györ vor kurzem im Alter von 40 Jahren pensioniert. "Das wirft viele Fragen auf," meinte Majlath.

Nach Ansicht eines Rechtsexperten der Universität Wien wirft die Prozessführung des Strafverfahrens gegen Eva Rhodes Probleme im Zusammenhang mit dem Recht auf ein faires Verfahren nach Artikel 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention auf. Einerseits gebe es Berichte über "ein außergewöhnlich gutes Einvernehmen zwischen der Anklage und der zuständigen Richterin", andererseits habe die Verteidigung offensichtlich keine Möglichkeit gehabt, den Polizeibeamten zu befragen. "Wenn der Polizeibeamte als entscheidender Zeuge von der Verteidigung nie befragt werden konnte - oder man dies von Seiten ungarischer Stellen nicht wollte -, bestehen ernsthafte menschenrechtliche Bedenken, denn damit wird der verfahrensrechtliche Grundsatz der Waffengleichheit zwischen Anklage und Verteidigung ad absurdum geführt", merkte der Wiener Völkerrechtler Alexander Breitegger nach Durchsicht der Unterlagen an.

Eva Rhodes ist im Zusammenhang mit der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes 1956 nach Österreich geflüchtet und hat die britische Staatsbürgerschaft angenommen. Später war sie nach Ungarn zurückgekehrt und hatte in der Nähe von Györ ein Tierheim eingerichtet. Seit dem 10. September 2008 ist sie verschwunden. (APA)

 

Link
Die Suche nach Eva Rhodes im Internet: www.csizmaskandur.com

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