Prima Klima?

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    foto: reuters//arnd wiegmann

Ungünstige Lebensbedingungen für Keime an Bord - Die Angst vor krankmachenden Erregern im Flugzeug ist unbegründet

Vor rund 55 Jahren, als der Transatlantikverkehr primär noch von Schiffsreisenden bestimmt wurde, war der Import gefährlicher Krankheitserreger durch reisende Infizierte eine Rarität. Die Fahrt über den Atlantik war einfach zu lang, verglichen mit der Inkubationszeit und Dauer der meisten Infektionskrankheiten. Bei der Ankunft in Amerika waren die europäischen Patienten entweder längst schon gesundet oder verstorben.

Heute gelangen Mensch, wie todbringender Erreger mit rasender Fluggeschwindigkeit rund um den Erdball. Die Welt fürchtet sich vor SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) oder Vogelgrippe-Epidemien, interkontinental über den Luftverkehr weiter verbreitet. Abgesehen von diesen bedrohlichen Pandemien wird aber auch jeder weit harmlosere Infekt gerne im Kontext mit dem Transportmittel Flugzeug betrachtet.

Krank fliegen verboten

Vorweg: Potentiell ansteckende Patienten dürfen in Linienflugzeugen nicht transportiert werden. Wunderbar. Wer aber kann garantieren, ob sich nicht doch infektiöse Menschen unerkannt unter den Passagieren befinden? Ohne jemandem Vorsätzlichkeit zu unterstellen, besteht auch die Möglichkeit, dass Erkrankte von der eigenen Erkrankung nichts wissen. Oder aber die Infektion manifestiert sich erst während des Fluges.

Nur keine Panik. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Mikroorganismen bis in die kleinsten Winkel einer Flugzeugkabine verteilen, ist unwahrscheinlich. Um genau zu sein, die Luftzirkulation an Bord macht eine die flächendeckende Ausbreitung von Krankheitserregern praktisch unmöglich. Longitudinale Luftbewegungen finden nämlich nicht statt. Die Frischluft die über einer Sitzreihe eintritt, verlässt die Kabine exakt an der gleichen Sitzreihe, nur eben unten. Diese Art der horizontalen Luftführung transportiert so gut wie keine Keime von ansteckenden Passagieren längs durch den Flieger. Nur der unmittelbare Sitznachbar wird vielleicht zum Problem.

Und überhaupt: Die Luftqualität in Passagierflugzeugen ist eigentlich ziemlich gut. Während am Flughafen fünf mal stündlich ein Luftaustausch stattfindet, wird oben im Himmel 20 mal jede Stunde gewechselt. Ein HEPA (high efficiency particulate air) Filter reinigt die Bordluft außerdem gründlich, während die Klimaanlage die Temperatur reguliert, den nötigen Kabinendruck erzeugt und unangenehme Gerüche entfernt.

Sauber aber trocken

Die Frischluft an Bord ist direkt der kalten trockenen Außenluft entnommen. Dementsprechend trocken ist auch drinnen das Klima. 10-20% Luftfeuchtigkeit herrscht in der Flugzeugkabine, als behaglich wird jedoch erst 60% empfunden. Dass auf billigen Plätzen die Luft feuchter ist, lässt sich erklären. Der Mensch selbst feuchtet beim Ausatmen die Umgebungsluft an. Die niedrigere Frequentierung der Bussiness Class schlägt sich daher auch in der Luftfeuchtigkeit nieder.

Wo man seiner Gesundheit weniger schadet, ist nicht eindeutig. Denn einerseits führt die niedrigere Luftfeuchtigkeit zwar zur schnelleren Inaktivierung böser Erreger. Andererseits macht die trockene Luft aber auch Schleimhäute trocken und rissig und damit anfälliger für eine Infektion. Verglichen mit anderen Massenverkehrsmitteln, wie Zug oder U-Bahn, ist Wahl des Sitzplatzes im Flugzeug aber so gut wie egal, denn das Risiko sich zu infizieren ist in jedem Fall deutlich geringer. (phr, derStandard.at, 27.02.2009)

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Studie: Transmission of infections during commercial air travel

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