Lernen für das Leben in der Isolation

23. Februar 2009, 20:08
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Die Krise des islamischen Religi­onsunterrichts reflektiert Probleme der Integration der Muslime in Österreich: Viele sehen sich nur als Gäste und leben im Ghetto - und der Unterricht fördert dies - Von Aly El Ghoubashy

Der Islamunterricht wäre eine gute Gelegenheit, um die jungen Muslime in der Gesellschaft zu integrieren. Leider haben wir Muslime diese Möglichkeit nicht ernst genommen und deshalb verpasst.

Die Glaubensgemeinschaft hat Lehrer mit Büchern und Fachinspektoren in die Schulen geschickt, die nicht geeignet sind, und wir vertrauten ihr und hofften, nachdem wir merkten, dass doch nicht alles so gut war, wie es sein sollte, dass sie mit der Zeit ihre Fehler einsehen und verändern würde. Dem war aber nicht so. Die islamische pädagogische Akademie in Wien brachte nicht die Veränderungen, auf die man wartete.

Aber was ist in der Zeit passiert, seit dem der Islamunterricht an den öffentlichen Schulen eingeführt wurde?

Nichts.

Die Kluft zwischen uns Muslimen und der Gesellschaft, in der wir leben, ist immer noch sehr tief, obwohl bereits die dritte Generation ihren Einzug gehalten hat. Der Islamunterricht könnte gerade hier diese Kluft verringern.

Wir beteiligen uns an nichts. Mit ein paar Ausnahmen vielleicht versuchen die Muslime immer noch in dieser Rolle als "Gast" zu leben. Wir haben nicht einmal unser "Da-Sein" realisiert. Wir haben immer noch Vereine, die Verbindungen zu den Heimatländern haben, die uns dabei helfen, uns selbst zu isolieren. Wir importieren immer noch Vorbeter, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, da sie ja wieder in die Heimat zurückgehen. Manche von ihnen sind Religionslehrer geworden und haben sich trotzdem nicht um eine Ausbildung oder die Sprache gekümmert.

Und die Glaubensgemeinschaft, beziehungsweise das Schulamt der Glaubensgemeinschaft, hat auf diesem Gebiet gar nichts unternommen.

Wenn wir ihre Bücher, Lehrpläne und ihre Fortbildungen sehen, stellen wir fest, dass sie auch aus der Perspektive eines Vereins gearbeitet haben. Professionelle Arbeit fehlt. Wenn es irgendwo gebrannt hat, hat man nur schöngeredet, statt ernsthafte Lösungen anzubieten. Sonst hat man nichts von der Islamischen Glaubensgemeinschaft wahrgenommen.

Unser Da-Sein ist für viele Muslime eher physisch, ihre Seelen sind mehr in der "Heimat" . Und in dieser Diaspora vertritt der Verein die Heimat. Dieses Denken findet seinen Niederschlag im Islamunterricht.

Wir bewegen uns zwischen den Vereinen und der virtuellen Welt durch Sender aus der Heimat. Wozu sollte man sich da intensiv mit einer anderen Sprache und Kultur auseinandersetzen?

Wir wollen sogar Moscheen haben, die so aussehen wie die Moscheen aus dem Orient.

Die Schüler haben eine Stunde in der Woche, in der sie in dieses "Heimatgefühl" eintauchen, doch es wird ihnen selten vermittelt, dass sie ein aktiver Teil dieser Gesellschaft sein könnten, auch als Muslime.

Sowohl die Lehrer als auch die Inspektoren und die Lehrmittel sind an ein System gebunden, das sie blockiert und ihnen nicht dabei hilft, sich für das Hier und Jetzt zu entscheiden. Wenn sich jemand von dieser "Klemme" befreien will, meldet er sich vom Unterricht ab.

Selten wird während des Unterrichts die Rolle des Muslim-Seins in Österreich behandelt oder die Frage, wie man Beziehungen zur Gesellschaft aufbauen kann.

Im Grunde genommen könnte man von einem Ghettodasein sprechen. Mehr und mehr isolieren wir uns von den Menschen hier, und der Islamunterricht hat dies forciert.

Der Islamunterricht kann sicher nicht so viel bewegen, doch könnte er jungen Menschen helfen, offen zu sein, andere zu respektieren, einen Platz hier zu finden.

Doch wer nimmt nun alles in die Hand? Wer hilft uns bei den Veränderungen, die schon lange hätten passieren sollen?

Das Unterrichtsministerium wäre die einzige Institution, die zurzeit das Thema Islamunterricht an öffentlichen Schulen übernehmen sollte, denn die IGG scheint unfähig dafür zu sein. Die Krise, die wir jetzt haben, hat sie selbst hervorgerufen, und sie ist nicht in der Lage, alles allein zu bewältigen.
Wir dürfen nicht vergessen: Wenn wir nicht den Druck von außen gehabt hätten, wäre immer noch nichts geschehen.

Wir können nicht warten, bis sich die Islamische Glaubensgemeinschaft neu gebildet hat und alles wieder "in Ordnung" bringt, weil sie noch viel Zeit braucht, um ihre Aufgabe zu verstehen. Hier spreche ich als Schura-Rats-Mitglied. (Aly El Ghoubashy/DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2009)

Zur Person
Mag. Aly El Ghoubashy, geboren 1955, ist Islamlehrer am BORG in Feldkirch.

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    Islamunterricht: Die professionelle Aufbereitung fehlt.

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