Der symphonische Preis des Modernen

23. Februar 2009, 19:05
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Die Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle

Wien - Heftig ist das Bemühen der Berliner Philharmoniker, nicht nur als Sendbote der klassisch-romantischen Vergangenheit zu wirken, sondern auch als interessierter Zeitgenosse zu erscheinen: Im Internet bietet man nun die Möglichkeit, die Berliner Konzerte zu belauschen. Man lässt auch Filme drehen, die Jugendarbeit und Tourneen dokumentieren. Und, was die Hauptsache ist: Chefdirigent Sir Simon Rattle geht beharrlich einen Repertoireweg, der die Moderne als wichtigen Teil der zu absolvierenden interpretatorischen Arbeit definiert.

Auch auf Reisen macht man keine Ausnahme von dieser Methodik und überträgt auch sehr Anspruchsvolles quasi in den Konzertalltag. So mag - ganz besonders dann, wenn es im Moderne-Teil eines Konzertes dezibelmäßig extrem wird - manche Erwartungshaltung das Gefühl von Irritation erfassen. Wie nun im Musikverein.

Olivier Messiaens monolithisches Werk "Et exspecto resurrectionem mortuorum" für Blasorchester und Schlagzeug dringt tatsächlich lautstärkemäßig in extreme Gong-Bereiche vor. Allerdings: Simon Rattle organisiert alles andere als grobschlächtig und auf plakativen Effekt hin die sich imposant dahinwälzenden Klangmassen des Franzosen.

Es herrscht einfach hohe Disziplin vor beim Wechsel zwischen statischen Momenten und jenen dazwischen hineinschneidenden linearen Passagen. Also: Transparenz und Homogenität waren zugegen; die Berliner wirken wie ein ungemein durchtrainierter Klangkörper auch der Moderne.

Selbige lässt sich natürlich auch bei Anton Bruckners Neunter Symphonie nachspüren, und Rattle versucht es. Er leuchtet Spannungen innerhalb der harmonischen Welt aus, zahlt aber auch einen Preis dafür. Es fehlte im ersten Satz etwas Unmittelbarkeit - fast zu kultiviert schien man hier vorzugehen. Etwas direkter zwar das Scherzo. Allein, in Summe, auch im dritten Satz, schienen die Ausdrucksextreme, das Aufwühlende und das Fiebrige der Romantik, dem Ausleuchten der Struktur geopfert worden zu sein. (tos, DER STANDARD/Printausgabe, 24.02.2008)

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