Karneval im deutschen TV

23. Februar 2009, 18:16
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Wenn das deutsche Fernsehen Karnevalssitzungen überträgt, dann ist das wie beim Autounfall auf der Gegenfahrbahn

Wenn das deutsche Fernsehen Karnevalssitzungen überträgt, dann ist das wie beim Autounfall auf der Gegenfahrbahn. Man will nicht hinschauen, weil es so schrecklich ist. Aber man macht es doch.

Die Jecken also tollen durchs Land, und wenn sie es in den Hochburgen Köln, Düsseldorf und Mainz tun, dann ist die öffentlich-rechtliche Kamera dabei. Grausam, was man zu sehen bekommt. Mit einem Schlag katapultiert sich die Gesellschaft um Jahrzehnte zurück. Kostüme wie Scherze sind so altbacken wie in den Sechzigerjahren, der vermeintliche Humor so straff organisiert wie einst die DDR-Staatswirtschaft.

Tätää! Tätää!

Stramme Herren in gelb-rot-karierten Sakkos signalisieren: Hallo, wir haben's lustig. "Wo geht's denn da zum Kino?", fragt einer. "Geradeaus", bekommt er zur Antwort. "Oooch", sagt der Erste enttäuscht, "schade, dass es gerade aus ist." Laue Pointen also, die zudem so vorhersehbar sind wie die Handlung eines Rosamunde-Pilcher-Films. Für die, die's immer noch nicht verstanden haben, spielt die Kapelle einen Tusch. Tätää! Tätää!

Auch vom Feinsten - die Reime. "Sorgen" reiht sich an "morgen", die "Koalition, die große" ist eine "hoffnungslose". Dazu fährt die Kamera Damen so tief ins Dekolleté, dass selbst die Privatsender schamrot werden. Seltsam, dass all dies deutschlandweit übertragen wird. Es gibt welche, für die ist das Belustigung. Aber die sind ohnehin alle live dabei. Für die anderen hingegen ist es Belästigung. (Birgit Baumann, DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2009)

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    Die Jecken tollen durchs Land, und wenn sie es in den Hochburgen Köln, Düsseldorf und Mainz tun, dann ist die öffentlich-rechtliche Kamera dabei.

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