Obama: "Jeder Plan ist ein Experiment"

23. Februar 2009, 18:13
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Amerikaner wie Europäer hoffen auf Obama - Heute hält der neue Präsident seine erste Rede zur Lage der Nation

Kaum ein Präsident ist begleitet von so vielen Hoffnungen ins Weiße Haus eingezogen wie Barack Obama. Und kaum einer fand je so schwere Zeiten vor. Am Dienstag hält er eine Rede zur Lage der Nation.

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Der Mann, der den Terminator spielte, schaut so grimmig drein, als hätte er gerade mit seinen Republikanern gebrochen und wollte nur noch die Scheidung verkünden. Nein, sagt Arnold Schwarzenegger, er habe überhaupt kein Verständnis für die Profilierungssucht mancher Konservativer. Dies sei nicht die Zeit, um sich in Fundamentalopposition gegen Barack Obama zu üben. "Tut, was die Leute von euch erwarten. Verheddert euch nicht in eurer Ideologie."

Schauplatz ist Washington. Drüben an der Pazifikküste feiert Hollywood mit den Oscars eine rauschende Ballnacht. Die Hauptstadt setzt dem Fest ihre eigene Variante von Glamour entgegen, ein Galadiner des Präsidenten mit den Gouverneuren der fünfzig Bundesstaaten. Und im grellsten Rampenlicht steht "Arnie, der Gouvernator" , der Gouverneur Kaliforniens, oberster Verwalter eines Staates, der trotz seines Reichtums mit einem Rekorddefizit kämpft. "Wir müssen jetzt alle Mannschaftsspieler sein", mahnte Arnie, dem man feine Antennen für Stimmungen nachsagt. "Für politische Spielchen sind die Zeiten zu ernst."

Der Ernst der Zeiten - es ist die Leitmelodie, die Obamas erste Wochen im Amt begleitet. Jeder Tag scheint neue Hiobsbotschaften zu bringen. Überlebt General Motors? Schwappt die nächste Pleitewelle über den kranken Immobilienmarkt? Sind einige der großen Banken nicht längst schon bankrott? Selbst Alan Greenspan, früher als Notenbankchef der eloquenteste Fürsprecher freier, sparsam regulierter Märkte, denkt laut über Tabubrüche nach: "Es könnte notwendig sein, einige Banken zeitweise zu verstaatlichen." Der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman mit feinster Ironie stichelt darauf: "Genosse Greenspan will, dass wir die Kommandohöhen der Wirtschaft konfiszieren".

Aufhalten kann Obama den Abwärtstrend nicht. Als er vereidigt wurde, fiel der Aktienindex Dow Jones in den Keller. Als er sein Konjunkturpaket unter Dach und Fach hatte, fast 800 Milliarden Dollar an Staatsgeldern, reagierte die Wall Street so panisch, dass der Index an einem Tag um fast 300 Punkte wegsackte. Was immer er anpackt, wird nicht honoriert, zumindest nicht gleich. Eine schwierigere Durststrecke könnte es nicht geben für einen, der von so viel Hoffnung begleitet ins Oval Office einzog.

Dennoch, Obama trifft den richtigen Ton. An die Stelle von "Change" und "Hope" sind die trockenen Analysen eines nüchternen Krisenmanagers getreten. "Erwartet keine Wunder von mir. Ich werde mich irren. Ich werde Fehler machen." So lauten die neuen Standardsätze. In Florida, wo die Hauspreisblase so dramatisch platzte wie nirgendwo sonst, spielte Obama öffentlich mit dem Gedanken, dass er die nächste Wahl, 2012, durchaus verlieren kann. "Wenn meine Rechnung nicht aufgeht und die Leute nicht das Gefühl haben, dass ich das Land in die richtige Richtung führe - gut, dann kriegen Sie einen neuen Präsidenten." Auch als ihm Zweifler vorwarfen, sein Konjunkturplan enthalte zu viel an gewöhnlichen Sozialausgaben, als dass er die Wirtschaft wirklich ankurbeln könnte, redete der Ex-Senator Klartext. "Jeder Plan ist ein Experiment. Wenn er nicht wirkt, werden wir etwas anderes versuchen."

Keiner in Washington kann sich an einen Staatschef erinnern, der nur einen Monat nach Amtsantritt so schonungslos selbstkritische Töne anschlug. Heute, Dienstag, wird er vor beiden Häusern des Kongresses zur Lage der Nation sprechen. Viele erwarten, dass es eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede wird, vielleicht verbunden mit einem trotzig optimistischen Ausblick. Jedenfalls ist es das, was sich die Nation von ihrem Spitzenmann wünscht. Tacheles.

Die allermeisten Amerikaner finden es richtig, dass Obama ihnen nichts vorflunkert wie George W. Bush. Bushs Nachfolger beschönigt nichts - und schneidet gerade deshalb viel besser ab. Nach einer Studie des Pew Research Center finden 64 Prozent, dass er einen guten Job macht. Es sind höhere Zustimmungsraten, als sie Bush (53 Prozent) und Bill Clinton (56 Prozent) in ihrer Startphase hatten. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2009)

 

  • Heiliger Obama, bring uns zu neuen Höhen: Ein Karnevalswagen am Rosenmontag in Düsseldorf. In Europa hoffen die Menschen so inständig auf den Erfolg des neuen Präsidenten wie in den USA.
    foto: epa/martin gerten

    Heiliger Obama, bring uns zu neuen Höhen: Ein Karnevalswagen am Rosenmontag in Düsseldorf. In Europa hoffen die Menschen so inständig auf den Erfolg des neuen Präsidenten wie in den USA.

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