"Wie bei einer Treibjagd"

24. Februar 2009, 15:16
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Ein ungarischer Rom und sein Sohn wurden bei Flucht aus brennnendem Haus erschossen, Polizei sprach trotz Benzinkanistern und Geschoßhülsen von "Unfall"

Einen Tag nach dem brutalen Mord an einem 27-jährigen Rom und seinem vierjährigen Sohn herrschten in der Roma-Siedlung der ungarischen Ortschaft Tatárszentgyörgy Fassungslosigkeit, Angst und Empörung. Unbekannte hatten in der Nacht zum Montag das Haus von Róbert Csorba mit Brandsätzen angegriffen. Als die aus dem Schlaf geschreckte Familie aus dem lichterloh brennenden Heim floh, schossen die Täter mit Schrotflinten auf die Roma. Der Familienvater und der kleine Robi, den er in seinen Armen trug, erlitten dabei tödliche Verletzungen. Ein weiteres Kind wurde verwundet, die Mutter und das dritte Kind blieben unverletzt.

Csaba Csorba, der Vater von Róbert, wohnt im 20 Meter entfernt gelegenen Nachbarhaus. "Sie haben sie niedergemetzelt, wie bei einer Treibjagd", sagt er verbittert. Doch die Polizei, die in der Nacht aus der nahegelegenen Kleinstadt Dabas anrückte, wollte von Mord nichts wissen: Es sei ein Brand wegen eines defekten Heizstrahlers gewesen, und die Opfer seien von herabfallenden Dachbalken getötet worden, meinte der Ermittlungsleiter zunächst.

Csaba Csorba ist empört darüber, dass es bis Montagnachmittag dauerte, bis die Polizei nach der Autopsie der Opfer wegen Mordes zu ermitteln begann. Dabei hatten er und andere Nachbarn bereits im Morgengrauen vor dem völlig ausgebrannten Haus Geschoßhülsen, einen Benzinkanister und nach Benzin riechende Flaschenscherben gefunden.

Vertuschung

"Sie wollten es vertuschen, es sollte wie ein Brandunfall aussehen", ist Csorba überzeugt. Tatsächlich bewegte sich die Polizei erst, nachdem Lídia Horvát, die der örtlichen Roma-Selbstverwaltung angehört, führende Roma-Politiker informiert hatte, unter ihnen die liberale Europaabgeordnete Viktória Mohácsi. Mohácsi ging danach an die Öffentlichkeit.

30 Stunden nach dem kaltblütigen Mord waren am Tatort noch die Blutspuren im Schnee zu sehen. Von den Spurensicherern ignoriert blieb ein verdächtig nach Benzin riechender Stofffetzen, den jemand auf einen in der Erde steckenden Autoreifen gelegt hatte.

Verwandte, Nachbarn und Roma-Vertreter sind sich sicher, dass die Tat einen rassistischen Hintergrund hat. "Das waren keine Amateure, sondern Leute, die für so was trainiert sind", meint Lídia Horváth. 16 Anschläge und Angriffe auf Roma wurden im Vorjahr in Ungarn registriert, vier Roma wurden dabei getötet.

Die Wogen gehen hoch, seitdem die rechtsextreme, paramilitärische "Ungarische Garde" gegen die Roma hetzt und sich als Schutztruppe gegen die "Zigeunerkriminalität" geriert. Nachdem die Garde im August 2007 gegründet worden war, führte sie ihren ersten Aufmarsch im Dezember danach in Tatárszentgyörgy durch.

Mária Berente, die Bürgermeisterin des 1900-Seelen-Dorfes, ist davon überzeugt, dass die Täter von auswärts kamen. Zwar gebe es Spannungen zwischen den Volksgruppen - die Roma machen etwa 20 Prozent der Dorfbevölkerung aus -, doch hätten diese nicht das Potenzial für eine derartige Eskalation, meint sie. "Jetzt haben alle Angst", fügt sie hinzu, "die Nicht-Roma vor einer Revanche der Roma, die Roma davor, dass die Gewalt gegen sie weitergeht." (Gregor Mayer aus Tatárszentgyörgy/DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2009)

  • Die Polizei habe den Mord vertuschen wollen, klagt Csaba Csorba
    foto: gregor mayer

    Die Polizei habe den Mord vertuschen wollen, klagt Csaba Csorba

  • Das ausgebrannte Haus
    foto: gregor mayer

    Das ausgebrannte Haus

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