Die Oststrategie der Banken war und ist richtig

23. Februar 2009, 16:52
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Ein katastrophales Zusammentreffen von schweren Verwerfungen in mehreren Ländern ist möglich

"Keiner weiß wirklich etwas Genaues". Diese Maxime gilt auch für die Finanzkrise, speziell für die Auswirkungen auf Osteuropa und auf die österreichischen Banken, die dort engagiert sind. Ein katastrophales Zusammentreffen von schweren Verwerfungen in mehreren Ländern ist möglich.

Diese Erkenntnis setzt sich auch in der EU durch und deshalb werden die Vorschläge der österreichischen Regierung für eine gemeinsame Stützungsaktion plötzlich nicht mehr belächelt und mit verächtlichem Schnauben weggeschoben. Aber es stehen kritische Zeiten und Situationen bevor.

Dennoch war der Entschluss etlicher österreichischer Banken, sich in Mittel-, Ost- und Südosteuropa zu engagieren, im Grundsatz die richtige Strategie und bleibt das auch. Mit Zusatz: wenn - und falls - die jetzige Krise (mithilfe der EU-Länder) überwunden wird.

Raiffeisen, die Erste, Bank Austria und in geringerem Maße auch die Volksbanken AG und die Bawag haben seit gut 15 Jahren das getan, was ein englischer Kommentator nun "Habsburg-Abenteurertum" nennt. Klingt cool, ist aber komisch aus einem Land, wo etliche Großbanken bereits verstaatlicht werden müssen und wo der Finanzsektor dem amerikanischen Pfad des "Subprime-Abenteurertums" gefolgt ist.

Mit dem Sturz des Kommunismus in Osteuropa entstand eine Jahrhundertchance: Ganze Volkswirtschaften standen da ohne die Grunderfordernisse moderner Ökonomien: Keine Bankkonten, kein Kredit- und Versicherungsgeschäft. Die Reformländer hatten einen ungeheuren Nachholbedarf, ein entsprechendes Wachstumspotenzial und daher ein Verlangen nach Investitionen und nach Kredit. Österreichs Banken hatten einen weitgehend ausgereizten Heimatmarkt. Sie setzten auf die neuen Märkte und hatten es lange nicht zu bereuen. Während die angelsächsischen und zum Teil auch die deutschen Banken in komplizierte Derivate gingen, finanzierten die Österreicher großteils Grundbedürfnisse: Autos, Häuser, höherwertige Konsumgüter. Sie sammelten Spareinlagen ein, kauften heimische Banken und gründeten neue. Sie betrieben überwiegend ein ganz normales Bankgeschäft.

Die Banken waren auch nicht die Einzigen, die sich am Aufbau einer entwickelten Wirtschaft beteiligten. Versicherungen, aber auch Industriekonzerne und Handelsfirmen stiegen ein. Der - entscheidende - Punkt dabei ist, ob sich die Österreicher dabei dramatisch oder nur ein wenig übernommen haben (oder im Grunde gar nicht und sie nur ein Opfer der von ganz anderen ausgelösten internationalen Finanzkrise sind).

Das ist die Frage, die jetzt seriös kaum zu beantworten ist. Ebenso wie ein weltweiter "meltdown" des Finanzsystems möglich ist, besteht die Gefahr für Österreichs Kredit- und Investitionsengagement in Osteuropa weiter. Wird die eine oder andere Bank verstaatlicht werden müssen? Unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Das ist nicht zu bagatellisieren - selbst wenn die Nationalbank sich letzte Woche veranlasst sah, den "systemrelevanten" Banken eine zufriedenstellende Kapital- und Liquiditätsausstattung" zu attestieren.

Heimische Banker haben im Osten eine Chance erkannt und sind massiv eingestiegen. Sie haben damit übrigens auch eine geopolitische Leistung erbracht. Kritische Betrachtungsweise ist in diesem Zusammenhang durchaus berechtigt, nicht aber dümmliche Häme (sie kommt übrigens sowohl von den ganz Rechten wie von den trauernden Hinterbliebenen des Kommunismus auf der Linken).
Über angeblich oder tatsächlich zu große Risiken wird zu reden sein - aber seriös und ohne völkisches Hinterwäldlertum oder abgestandenen Vulgärmarxismus. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2009)

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