"Nackerten kann man nichts mehr ausziehen"

23. Februar 2009, 18:16
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Der AUA steht das Wasser bis zum Hals - Kleinere Brötchen statt Essen von Do & Co stehen auf dem Programm - Über die hässliche Fratze der Wirtschaftkrise wurde an der FH-Wien diskutiert

"Wir stehen in Österreich vor einer größeren Kündigungswelle", sagt Conrad Pramböck, Gehaltsexperte vom Personalberater Neumann International. Die AMS-Prognose, dass es bis Mitte des Jahres um 50.000 Arbeitslose mehr geben wird, hält er noch für optimistisch. Pramböck glaubt, dass wir uns "erst am Anfang einer globalen Wirtschaftskrise" befinden. Wo wird gespart? "Überall", meint er und sieht bei den Personalkosten den größten Brocken. Die Auswirkungen der Rezession auf Mitarbeiter und deren Gehälter wurden bei einer Podiumsdiskussion, veranstaltet vom Institut für Personal- und Wissensmanagement der FHWien Studiengänge der WKW mit derStandard.at/Karriere als Medienpartner, erörtert.

AUA spekuliert mit natürlichen Abgängen

Wenn das Thema Krise auf dem Programm steht, dann ist die AUA nicht weit. Das Unternehmen muss sparen; und zwar drastisch. "Von zehn möglichen Eskalationsstufen sind wir gerade bei 9,5 angelangt", sagt Lukas Schreiner von der kurz vor der Pleite stehenden Fluglinie. "Wir wollen alle Mitarbeiter, die bleiben möchten, halten", umreißt er die Strategie. Derzeit sind 8.000 Leute im Konzern beschäftigt. Ohne Einsparungen bei den Personalkosten werde die AUA aber nicht überleben können, räumt er ein. Das Management hat schon auf zehn Prozent des Salärs verzichtet. Jetzt sollen die Ist-Gehälter der Belegschaft "mit Augemaß" reduziert werden. Je weiter es vom Vorstand in Richtung untere Ebenen gehe, desto geringer müsse die prozentuelle Kürzung ausfallen. "Einem Nackerten kann man nichts mehr ausziehen", so Schreiner.

Überleben ohne Do & Co.

Als weitere Maßnahmen stehen das Einfrieren von automatischen Vorrückungen, Kürzungen bei der Firmenpension oder das Streichen von gewissen Benefits im Raum. "Reduzieren an den Services", nennt das Schreiner und meint damit etwa weniger Taxifahrten oder ein billigeres Kantinenessen. "Do & Co ist schön in den Goldenen Zeiten, muss jetzt aber nicht mehr sein." Derzeit werden Verhandlungen über "attraktive Teilzeitmodelle" geführt. An Kurzarbeit werde früher oder später kein Weg vorbei führen, befürchtet Schreiner, ist aber zuversichtlich, dass die Mitarbeiter die Maßnahmen mittragen werden. Alle hätten den Ernst der Lage erkannt: "Es geht schließlich ums nackte Überleben."

Eduscho schult

Nicht ganz so dramatisch stellt sich die Situation für Eduscho Österreich dar. "Es läuft noch gut", berichtet Helmut Gattinger, Personalchef des Unternehmens. Klar sei aber, dass die Nachfrage kontinuierlich zurückgehe. "Wir werden unsere Kostenstruktur durchleuchten", kündigt er an und hofft, die Einbrüche "im Rahmen" halten zu können. Damit das gelingt, setzt Gattinger auf "motivierte Mitarbeiter". Das übertrage sich auf die Kundschaft, ist er überzeugt, mit gutem Service punkten zu können. Um diesen zu gewährleisten, schickt der Konzern seine Angestellten in Verkaufsschulungen. Das "richtige Zugehen auf Kunden" müsse erlernt werden.

Teamarbeit

Um die Mitarbeitermotivation zu forcieren, veranstaltet Eduscho regelmäßig "kleine Feste" oder "Teamabende", wo besondere Leistungen im Kollektiv gefeiert werden. "Die Leute honorieren das", glaubt Gattinger und will nicht "alles kranker reden, als es tatsächlich ist". Einsparungspotenziale gebe es natürlich, aber nicht bei den Gehältern der Mitarbeiter. Ein Tabu, an dem schon alleine wegen dem Kollektivvertrag im Handel nicht gerüttelt werden könne. Reduzieren ließen sich beispielsweise Posten wie Reisekosten oder Ausgaben für Werbung. "Videokonferenzen statt Flüge", sei ein Gebot der Stunde.

Kein Klassenkampf

"Die Wirtschaftskrise ist keine Zeit für einen Klassenkampf." Gabriele Tamandl, Nationalratsabgeordnete und Vertreterin des ÖABB, appelliert an Arbeitgeber- und nehmer, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Bei unumgänglichen Sparpakten müsse der Betriebsrat mitspielen und dürfe nicht nur "mauern". Ein ganz wichtiger Aspekt komme der Informationspolitik zu. "Bei der Telekom oder der Post hat die Kommunikation überhaupt nicht funktioniert", sagt Tamandl. Das habe in einem Aufstand der Belegschaft und "verhärteten Fronten" resultiert.

Führungskräfte seien gefordert, den Mitarbeitern reinen Wein einzuschenken, sie aber nicht unnötig zu verunsichern. "Wenn das Top-Management an den Erfolg glaubt, wird das auch die Belegschaft tun." Gehaltskürzungen sind für die ÖVP-Politikerin kein probates Mittel: "Bei 1.000 Euro Lohn im Handel kann man den Gürtel nicht mehr enger schnallen." Viele würden schon jetzt trotz Vollzeitjobs finanziell nicht über die Runden kommen.

Weiterbildung fördern

Tamandl hofft, dass die Ausgaben für Weiterbildung nicht auf der Strecke bleiben. Hier müssten Arbeiterkammer und AMS den Leuten unter die Arme greifen. Durch Kurzarbeit oder diverse Teilzeitmodelle seien momentan genügend zeitliche Ressourcen vorhanden. "Bei kompletter Auslastung mit Überstunden gibt es eh keine Möglichkeit für Fortbildung." Die Bemühungen, dass Mitarbeiter Bildungskarenz in Anspruch nehmen, sollten intensiviert werden. "Die Leute müssen erkennen, dass sie sich qualifizieren oder umschulen lassen müssen." Eigeninitiative sei gefragt, auch wenn man sich noch in einem aufrechten Dienstverhältnis befinde. Bei Arbeitslosigkeit sind die Kurse dann nicht mehr so hochwertig. Da gehe es dann in Richtung "Wie bewerbe ich mich richtig?", konstatiert Tamandl nur einen begrenzten Nutzen.

Fortbildung nicht hoch im Kurs

Für firmeninterne Weiterbildungsmaßnahmen wird in nächster Zeit kaum mehr Geld vorhanden sein, prognostiziert Conrad Pramböck von Neumann International. "Dieses Budget wird komplett gestrichen." Der Personalberater meint, dass viele Firmen auf "All-In-Verträge" setzen werden. Die Folgen sind weniger bezahlte Überstunden und ein geringeres Grundgehalt. Aus Angst vor einem Jobverlust seien Mitarbeiter auch bereit, für weniger Geld zu arbeiten. Sollten die Beschäftigten nicht freiwillig verzichten, dann werde es eben "Änderungskündigungen" geben, ist Pramböck von harten Einschnitten überzeugt.

Bei Kündigungen werde es in erster Linie die schwächsten Glieder in der Kette erwischen: die Geringqualifizierten. "Wenn es bergauf geht, bekomme ich diese Leute schnell wieder."
Auch für seine eigene Branche zeichnet Pramböck ein düsteres Bild: "Manche rechnen mit einem Minus von 70 Prozent." Eine "Marktbereinigung" sei die logische Konsequenz. "Die Kleinen werden eingehen", resümiert er.

AUA trennt sich von Altlasten

"Noch genügend Anbieter für die weniger werdenden Kunden" ortet Lukas Schreiner von der AUA. "Das Volumen rasselt in den Keller, der Preis wird gedrückt." Dass viele Unternehmen bei den Dienstreisen sparen, treffe die Fluglinie mit voller Wucht. Im Verkauf an die deutsche Lufthansa sieht er eine "neue Chance, die von den Dienstnehmern positiv wahrgenommen wird". Schreiner konzediert, dass es in den letzten Jahren einen "Wildwuchs und Strukturverkrustungen" auf der Kostenseite gegeben habe. "Es ist wie bei einer Übersiedlung: jetzt können wir entrümpeln."

Investition in die Zukunft

Trotz Gehaltskürzungen versuche man, die guten Mitarbeiter zu halten. Kein leichtes Unterfangen, da es gezielte Abwerbungsversuche gebe und die AUA keine "monetären Incentives" gewähren könne. Die jetzigen "High Performer" werden mit Aussicht auf ein paar "Zuckerln" bei der Stange gehalten. Der Konsum könne natürlich erst nach dem Durchschreiten der Talsohle erfolgen.

Profiteure der Wirtschaftskrise werde es so gut wie keine geben, waren sich die Diskutanten einig. Vielleicht am ehesten noch Reparaturgeschäfte, weil das Geld für Neuanschaffungen fehlt. Was man sich als Trost vor Augen halten könne, ist das "wirtschaftliche Amen im Gebet": nach jedem Abschwung kommt ein Aufschwung. (Oliver Mark, derStandard.at, 23.2.2009)

  • V.l.n.r.: Conrad Pramböck (Head of Compensation Consulting, Neumann International), Gabriele Tamandl (Abg. z. Nationalrat, ÖAAB), Moderation Julia Halwax (Institut für Personal- und Wissensmanagement), Lukas Schreiner (Director HR Policy & Industrial Relations, Austrian Airlines) und Helmut Gattinger (Leiter Personal und Organisation, Eduscho Austria).
    foto: fh wien

    V.l.n.r.: Conrad Pramböck (Head of Compensation Consulting, Neumann International), Gabriele Tamandl (Abg. z. Nationalrat, ÖAAB), Moderation Julia Halwax (Institut für Personal- und Wissensmanagement), Lukas Schreiner (Director HR Policy & Industrial Relations, Austrian Airlines) und Helmut Gattinger (Leiter Personal und Organisation, Eduscho Austria).

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