"Anschlag auf Touristen hätte Rebellen diskreditiert"

24. Februar 2009, 13:34
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Der Berliner Asienexperte Christian Wagner erklärt im Gespräch mit derStandard.at einen Konflikt, der nach 26 Jahren nun zu Ende scheint

Nach erfolgreichen Vorstößen scheint der Kampf der srilankischen Regierungstruppen gegen die tamilischen Rebellen von der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) nach 26 Jahren beendet. Die vielen westlichen Touristen, die die Insel Jahr für Jahr besuchen, haben sich von dem Konflikt ohnehin nicht stören lassen. Christian Wagner, Leiter der Forschungsgruppe Asien bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik erklärt im Gespräch mit derStandard.at, was es damit auf sich hat.

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derStandard.at: Woher rührt der Aufstand der Tamilen gegen die singhalesische Mehrheit in Sri Lanka?

Christian Wagner: Seit der Unabhängigkeit von den Briten 1948 dreht sich alles um die Frage, wie eine politische und kulturelle Selbstverwaltung der hinduistischen Tamilen im Norden der Insel gewährleisten werden kann. Die europäische Lösung eines Bundesstaates funktioniert nicht, weil jeder Versuch eines Föderalismus von buddhistischen Nationalisten im Süden hintertrieben wird. Für diese Gruppen ist Sri Lanka das heilige Land des Buddhismus. Bekämen die Tamilen mehr Autonomie, würden diese Gruppen dies als Verrat an der Einheit des Landes und als Verrat an den religiösen Vorstellungen sehen. Darum liegt der Schlüssel zur Lösung des Konflikts auch heute bei den singhalesischen Parteien im Süden.

derStandard.at: Warum wurde bisher keine politische Lösung gefunden?

Christian Wagner: Von 1948 bis Mitte der Siebzigerjahre konnten die Tamilen nie eine politische Lösung finden, unter Sirimavo Bandaranaike (zwischen 1960 und 2000 insgesamt drei Mal Premierministerin Sri Lankas, Anm.) militarisierte sich der Konflikt ab 1970. Schon ihr ermordeter Ehemann gewann mit dem Wahlspruch "Sinhala Only" (etwa: nur mehr die singhalesische Sprache, Anm.) 1956 die Wahl zum Premierminister. Durch die Verfassung 1972 wurden die Rechte der Tamilen weiter eingeschränkt, etwa durften tamilische Jugendliche nur mehr sehr begrenzt an den Hochschulen studieren. In der Kolonialzeit hatten die Tamilen hingegen den Vorteil, dass viele der großen Missionarsschulen im relativ unerschlossenen Norden der Insel lagen. Das brachte den Tamilen über mehrere Generationen einen Vorteil im Bildungsbereich, was ihnen bei damals zwölf Prozent der Bevölkerung überproportional viele Posten in der Kolonialverwaltung bescherte. Die buddhistisch-nationalistischen Gruppen agitierten nach der Unabhängigkeit gegen dieses Übergewicht der Tamilen, um der Mehrheit der Singhalesen, sie stellen etwa 75 Prozent, bessere Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten zu verschaffen.

derStandard.at: Wenn über den Konflikt in Sri Lanka berichtet wird, werden die LTTE oft synonym mit den Tamilen verwendet. Stimmt das denn?

Christian Wagner: Nein. Die LTTE hat ihren Führungsanspruch auch innerhalb der Tamilen rücksichtslos durchgesetzt, etwa indem sie in den Achtzigerjahren Führer anderer tamilischer Gruppen ungebracht hat. Eine demokratisch legitimierte Vertreterin der Tamilen war sie aber nie. Momentan sehe ich eher die Entwicklung, dass die LTTE politisch marginalisiert wird, im Jänner wurde sie von Seiten der Regierung auch verboten.

derStandard.at: Die LTTE galten als eine der bestausgerüsteten Rebellengruppen der Welt. Wie konnte es die Armee schaffen, sie zu besiegen?

Christian Wagner: Da gibt es verschiedene Gründe. Zum einen hat die Armee deutlich aufgerüstet. Zum zweiten haben die internationalen Anstrengungen nach dem 11. September, die Finanzwege terroristischer Organisationen zu blockieren, auch der LTTE geschadet, weil das Terrornetzwerk und die tamilischen Hilfsorganisationen seither deutlich genauer durchleuchtet werden. Auch die Zusammenarbeit mit Indien, was den Nachschub betrifft, wurde von Seiten der Regierung verbessert. Die Armee hat es außerdem durch Kommando-Operationen, die eine Art Guerillataktik darstellen, geschafft, mittlere Führungskader der LTTE auszuschalten. Der wichtigste Punkt war aber vermutlich die Abspaltung der "Karuna"-Gruppe im Frühjahr 2004, wodurch die LTTE relativ schnell die gesamte Ostprovinz verloren und damit ein großes Rückzugsgebiet eingebüßt hatte.

derStandard.at: Welche Rolle spielt der große Nachbar Indien?

Christian Wagner: Indira Gandhi wollte in den Siebzigerjahren alle Konflikte in den Nachbarstaaten durch die Einbeziehung Indiens beigelegen. Das lag an der Angst Gandhis, dass die USA noch mehr Einfluss in der Region gewinnen könnten. 1977 kam eine US-freundliche Regierung in Sri Lanka an die Macht und der indische Geheimdienst unterstützte einige tamilische Rebellengruppen. Indien stationierte 1987 auf bilateraler Basis und ohne UN-Mandat Friedenstruppen auf der Insel, was sich als Fiasko und eine Art "indisches Vietnam" herausstellen sollte. Die LTTE und die Inder lieferten sich drei Jahre lang einen Kleinkrieg. Als sich die srilankische Regierung auch noch mit den tamilischen Rebellen verbündete, verließen die Inder 1990 die Insel wieder. Das ganze hatte in Indien selbst dann noch die Folge, dass Rajiv Gandhi 1991 im Wahlkampf von einer Selbstmordattentäterin der LTTE umgebracht wurde.

derStandard.at: Immer wieder gibt es Gerüchte, wonach die LTTE Auslandstamilen erpresst, sich finanziell am Kampf zu beteiligen. Ist da was dran?

Christian Wagner: Da ist schon was dran. In Deutschland gab es Strafverfahren gegen Anhänger der LTTE. Man darf aber nicht übersehen, dass da auch freiwillig gespendet wurde. In den Sechziger- und Siebzigerjahren musste eine ganze Generation gut ausgebildeter Tamilen Sri Lanka verlassen, die sich bis heute bitterlich an der Regierung rächen möchte. Die Tamilen in der Diaspora hatten einen relativ hohen Bildungsgrad und konnten sich im Exil häufig ein vergleichsweise gutes Einkommen erwirtschaften.

derStandard.at: Wie sehr haben die Konflikte dem Tourismus geschadet?

Christian Wagner: Erstaunlicherweise fast gar nicht. Ein Anschlag in einem Touristenhotel hätte den singhalesischen Süden in eine wirtschaftliche Katastrophe gestürzt. Erstaunlicherweise gab es nie einen solchen Anschlag. Das liegt meiner Ansicht nach daran, dass die LTTE immer auf die Unterstützung aus der Diaspora in den westlichen Industriestaaten angewiesen war. In der Schweiz, in Deutschland, den nordischen Ländern, Frankreich und Großbritannien leben große tamilische Minderheiten. Ein Anschlag auf Touristen hätte den Kampf der LTTE schlagartig diskreditiert. Der Bürgerkrieg und der Terrorismus hat aber auch nie in den Touristenzentren des Südens stattgefunden, sondern fast nur im Nordosten.

derStandard.at: Jüngst erreichten uns Berichte, wonach die LTTE in Kleinflugzeugen Luftangriffe auf die Hauptstadt Colombo flog. Wie kann so etwas passieren?

Christian Wagner: In Sri Lanka gibt es tatsächlich Probleme mit dem Radar und der Luftabwehr. Dass es in letzter Zeit noch zu Luftangriffen der Rebellen gekommen ist, hat mich aber auch verblüfft. Schließlich brauchen Flugzeuge Landebahnen, die über die Luftaufklärung im Dschungel relativ leicht aufzuspüren sein sollten. Man muss auch die Distanz betrachten, die zwischen dem Nordosten und Colombo liegt. Meiner Meinung nach sind diese Luftangriffe letzte, verzweifelte Widerstandsversuche. Es ist der LTTE aber nie gelungen, den Kampf in den Süden zu tragen. (flon/ derStandard.at, 24.2.2009)

Zur Person:
Christian Wagner leitet die Forschungsgruppe Asien an der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

  

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    Ein Soldat der Regierungstruppen patroulliert auf einem der vielen weißen Sandstrände Sri Lankas.

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