Freigelassener erhebt schwere Foltervorwürfe

23. Februar 2009, 19:24
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Brite in Heimat zurückgekehrt - Erste Freilassung eines Gefangenen seit Amtsantritt Obamas

London - Nach mehr als vier Jahren in dem US-Gefangenenlager Guantanamo ist ein Häftling aus Großbritannien in seine Wahlheimat zurückgekehrt. Nach Angaben des britischen Außenministeriums handelt es sich bei dem gebürtigen Äthiopier Binyam Mohamed um den ersten Guantanamo-Gefangenen, der seit der Wahl von US-Präsident Barack Obama freigelassen wurde. Auf dem Rückweg nach Großbritannien bekräftigte der 30-Jährige am Montag seine Foltervorwürfe gegen den britischen Geheimdienst. Damit verstärkte er den Druck auf die Regierung in London, die seit langem wegen einer angeblichen Verwicklung in Folterungen kritisiert wird. Außenminister David Miliband sagte, die Freilassung Mohameds sei "der erste Schritt" auf dem Weg, Guantanamo komplett zu schließen.

Das Schicksal des Mannes sorgt seit Wochen für Schlagzeilen. Mohamed saß seit 2004 wegen Terrorverdachts in dem Lager und war zuletzt im Hungerstreik. Er war 2002 in Pakistan festgenommen worden. Nach eigener Darstellung wurde er anschließend in Marokko, Pakistan und Afghanistan in US-Gefangenschaft gefoltert, bis er die Terrorvorwürfe zugab. Dabei soll der britische Geheimdienst Fragen an seine Folterer weitergegeben haben.

Viele Mitschuldige

"Ich muss - mehr in Trauer als in Wut - sagen, dass sich viele an meinem Grauen in den vergangenen sieben Jahren mitschuldig gemacht haben", sagte Mohamed in einer Erklärung. "Ich will keine Rache. Nur soll die Wahrheit bekanntwerden, so dass niemand dasselbe aushalten muss wie ich." Die USA bestreiten alle Foltervorwürfe.

Mohameds Anwälte forderten die britische Regierung nach der Landung auf dem Militärflugplatz Northolt in London auf, den Mann nach Befragungen sofort wieder freizulassen. Der Sprecher von Premierminister Gordon Brown sagte, die Regierung werde alle Vorbereitungen treffen, damit die Öffentlichkeit nicht gefährdet werde.

Mohameds Familie kam 1994 nach London, zehn Jahre später wurde seine Aufenthaltsgenehmigung erneuert. 2001 konvertierte er zum Islam und reiste später nach Pakistan und Afghanistan. 2002 wurde er in Karachi festgenommen, weil er mit einem gefälschten Pass nach Großbritannien zurückkehren wollte.

Er wurde beschuldigt, 2001 in einem Al-Kaida-Lager in Afghanistan ausgebildet worden zu sein, um Terroranschläge in den USA auszuführen. Im Mai vergangenen Jahres wurde ihm Verschwörung mit Al-Kaida-Mitgliedern zum Mord und Terrorismus zur Last gelegt. Außerdem soll er an Plänen für einen Anschlag mit einer "schmutzigen Bombe" beteiligt gewesen sein. Im Oktober wurden die Anschuldigungen fallen gelassen. Die Regierungen der USA und Großbritanniens hatten sich vergangene Woche geeinigt, Mohamed nach Großbritannien zurückzufliegen. Obama will das Lager auf Kuba noch innerhalb eines Jahres schließen.

Mohameds Foltervorwürfe sind auch Kern eines Rechtsstreits vor einem Londoner Gericht: Mohamed hatte dort die Veröffentlichung von Akten beantragt, aus denen die Folterbeteiligung des britischen Geheimdienstes hervorgehen soll. Außenminister Miliband hatte die Veröffentlichung abgelehnt, weil es sich bei den Akten um US-Geheimdienstinformationen handle, die nicht ohne Einverständnis der USA veröffentlicht werden dürften. Kate Allen, Direktorin von Amnesty International UK, forderte am Montag eine unabhängige Untersuchung über die Rolle der Briten in dem Fall. (APA/dpa/AP)

 

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