"Wir sind im Nebel"

23. Februar 2009, 18:13
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Hiobsbotschaften kommen aus der deutschen Wirtschaft, Ökonomen warnen vor einem dramatischen Konjunktureinbruch

Berlin - Angesichts immer neuer Hiobsbotschaften aus der deutschen Wirtschaft mehren sich die Warnungen vor einem dramatischen Konjunktureinbruch. Die Deutsche Bank schließt nicht mehr aus, dass die Wirtschaftsleistung heuer um mehr als fünf Prozent schrumpfen wird. Ihr Chefvolkswirt Norbert Walter sagte: "Alle bisherigen Konjunkturprognosen werden bis Ostern überholt sein."

Die deutsche Regierung bleibt bei ihrer Vorhersage, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2009 um 2,25 Prozent schrumpfen wird. Der DAX ist am Montag erstmals seit Herbst 2004 unter die Marke von 4.000 Punkten gerutscht. Auch der Dow Jones gab nach.

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Wien - Als unerschütterlicher Optimist präsentierte sich am Montag Wifo-Chef Karl Aiginger. Wohl erwartet der Wifo-Chef in den kommenden Monaten die Wirtschaftsleistung deutlich rückläufig, er glaubt allerdings an eine Stabilisierung im zweiten Halbjahr.

Er schöpft diesen Optimismus aus den Milliardenkonjunkturpaketen, die weltweit aufgelegt würden. "Sie werden Wirkung entfalten und die Realwirtschaft positiv beeinflussen", sagte Aiginger im Klub der Wirtschaftspublizisten. Sie hätten bisher ja noch gar nicht wirken können. Großartige Wachstumsraten seien im zweiten Halbjahr allerdings nicht zu erwarten, mit 0,5 Prozent oder 0,1 Prozent BIP-Wachstum müsse man zufrieden sein.

Bis dahin werde es freilich in großen Stufen nach unten gehen. "Es darf sich niemand schrecken über minus drei Prozent BIP-Wachstum", warnte Aiginger, in einzelnen Monaten werde es in der Industrieproduktion sogar minus sieben oder minus acht Prozent geben. Die Konjunkturprognose von Ende Dezember (minus 0,5 Prozent in Österreich für 2009, minus 1,2 Prozent im Euro-Raum) will Aiginger trotzdem nicht zurücknehmen. "Ich gebe zu, wir sind im Nebel", sagte Aiginger, der die nächste Prognose planmäßig mit dem IHS Ende März vorlegen will. Österreich werde sich besser halten können als andere Länder", sagte Aiginger. Er verwies dabei auf die relativ günstigen vorläufigen Zahlen für das vierte Quartal in Österreich (minus 0,2 Prozent).

Nach der Bodenbildung zu Jahresmitte erwartet Aiginger eine nur langsame und leichte Erholung, eine "Rückkehr auf 2,5 bis 3 Prozent Wachstum halte ich in den nächsten Jahren für ausgeschlossen".

Die öffentliche Hand forderte Aiginger auf, ihre heuer hohen öffentlichen Ausgaben 2010 wieder zurückzufahren, spätestens aber 2011, sonst gerate das Budget vollends aus dem Ruder.
Außerdem ermahnte er, die Kurzarbeit an Qualifizierungsmaßnahmen zu koppeln. Ohne Qualifizierung sei Kurzarbeit eine teure, aber vergebene Chance. Er würde diesbezüglich sogar für Zwangsmaßnahmen plädieren. Die Weiterbildung dürfe nicht nur innerbetrieblich sein, sondern mit Zeugnissen nachvollziehbar sein, sonst sei sie am Arbeitsmarkt nichts wert.

Was die immer wieder diskutierte, aber verworfene Spekulationssteuer betrifft, meint der Wifo-Chef, sie sollte zwecks Einnahmen unbedingt eingeführt werden. Jetzt sei die ideale Zeit dafür, denn dadurch würde auch die Realwirtschaft nicht betroffen.

Hiobsbotschaften

Hiobsbotschaften kommen auch aus der deutschen Wirtschaft, Ökonomen warnen vor einem dramatischen Konjunktureinbruch. Die Deutsche Bank schließt nicht mehr aus, dass die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um mehr als fünf Prozent schrumpfen wird. Ihr Chefvolkswirt, Norbert Walter, warf Unternehmen und Politikern vor, die Lage schönzureden. "Alle bisherigen Konjunkturprognosen werden bis Ostern überholt sein", sagte Walter laut Bild.

Die Regierung bleibt dennoch bei ihrer Vorhersage, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde 2009 um 2,25 Prozent schrumpfen. Auch das wäre das größte Minus seit Bestehen der Bundesrepublik. Der Mannheimer Wirtschaftsweise Wolfgang Franz warnte, im Sommer könne es bei einer andauernden konjunkturellen Talfahrt zu Massenentlassungen kommen. Bei einer Vertiefung der Krise könnten Kurzarbeit und Zeitarbeitskonten nicht mehr ausreichen, um die Lage zu meistern. "Eine Prognose ist aber wegen der beispiellosen Finanzkrise sehr schwierig. Wir fahren auf Sicht" , sagte Franz, der für 2009 einen Rückgang des BIP zwischen zwei und drei Prozent erwartet. (ung, dpa, DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2009)

  • Wifo-Chef Karl Aiginger hofft auf Erholung.
    foto: christian fischer

    Wifo-Chef Karl Aiginger hofft auf Erholung.

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